Auch an einem vor über einem Jahrhundert demontierten Monument können sich in Bosniens Vielvölkerstaat die Geister scheiden. Mit der vom Stadtrat in dieser Woche mehrheitlich abgesegneten Initiative, Österreichs Thronfolger Franz Ferdinand (1863-1914) und seine Frau Sophie wieder auf den Sockel zu stellen, werde Sarajevo zum „weltweit einzigartigen Beispiel, das einem Besatzer ein Denkmal setzt“, empört sich Ljubica Cosic, der Bürgermeister im überwiegend serbischen Ost-Sarajevo.
Mit zwei Schüssen hatte der 19-jährige Gavrilo Princip am 28. Juni 1914 Franz Ferdinand und dessen schwangere Frau in Sarajevo getötet: Aus Wut über die Annektierung von Bosnien und Herzegowina durch Wien hatte sich der Gymnasiast bereits 1910 dem Geheimbund „Junges Bosnien“ angeschlossen: Er und seine Mitstreiter waren von serbischen Geheimdienstkreisen in Belgrad bewaffnet und zurück nach Bosnien geschleust worden. Das Attentat löste den Ersten Weltkrieg aus.
Geteilte Meinungen über das Denkmal
Es sei „eine Schande“, dass es in Sarajevo nur Wahrzeichen gebe, die dem Attentäter gewidmet seien, aber kein „würdiges Denkmal“ für dessen Opfer, begründet die „Partei für Bosnien und Herzegowina“ ihre Initiative, das 1917 errichtete und 1919 demontierte Denkmal für Franz Ferdinand und Sophie wiederherzustellen: „Wir können zeigen, ob wir einen Mord feiern oder den Toten die Ehre erweisen wollen.“
War der 1918 in Haft verstorbene Schüler ein panjugoslawischer Freiheitskämpfer oder ein serbischer, vom Geheimdienst gesteuerter Nationalist? Schon beim 100. Jahrestag des Attentats hatten sich Wissenschaftler und Politiker in Bosnien und Serbien 2014 einen verbitterten Historikerstreit geliefert: Den Kontroversen um den Täter folgt nun der Denkmalsstreit um die Opfer.
Ein Kompromiss?
Widerspruch gegen das Comeback des 12 Meter hohen Monuments regt sich nicht nur bei Politikern der bosnischen Serben, sondern auch in den Reihen von Sarajevos sich als multiethnisch definierenden Mittelinks-Parteien. Möglicherweise könnte die Ausschreibung eines Wettbewerbs für ein etwas weniger wuchtiges Kompromissdenkmal die Gemüter beruhigen. Die Herausforderung: Das neue Monument müsste die Erinnerung an den Täter mit dem Gedenken an die Opfer vereinen.