Anfang 2025 saß ich mit Kollegen einem hohen ukrainischen Beamten in Kiew gegenüber, zuständig für die Koordinierung der Sicherheitspolitik. Die Stimmung war düster. Die Ukraine hatte ihr größtes Problem nicht gelöst: fehlendes Personal an der Front. Von weitem schien dies systemische Konsequenzen zu haben. Mein Kollege teilte dem Beamten mit, dass die Chance eines Frontkollaps‘ steige. Nach einer langen Pause im Raum fragte der Beamte: „Wie lange haben wir noch?“ Mein Kollege kalkulierte kurz. Er überschlug die bekannten Verluste gegen die Rekrutierungszahlen. „6 bis 8 Monate“, antwortete er.

Erst danach reisten wir an die Donbass-Front. Doch die Front hielt. Es gab keinen Zusammenbruch. Nach mehreren Tagen an der Front kehrten wir optimistischer nach Kiew zurück. Die damals noch überlegene ukrainische Drohnenkriegsführung und die schlechte Qualität russischer Truppen ließen uns zur Schlussfolgerung kommen: Die Chancen, dass die Front hält, waren höher als angenommen.

Man kann nur Hypothesen aufstellen

Ich erwähne diese Episode, um zu zeigen, wie schwierig es ist, in diesem Krieg die Lage akkurat einzuschätzen. Auf die Frage, ob der Krieg 2026 beendet wird, kann man daher keine konkrete Antwort geben. Vielmehr muss man Hypothesen aufstellen. Meine lautet: Wir sind am Anfang des Endes, angelehnt an Winston Churchills Rede nach der Schlacht bei El Alamein 1942: „Das ist nicht das Ende. Auch nicht der Anfang des Endes. Sondern vielmehr das Ende des Anfangs.“ Der Höhepunkt des Krieges scheint überschritten. Unklar bleibt, ob 2026 einen Waffenstillstand oder einen eingefrorenen Konflikt bringt.

TOPSHOT - In this handout photograph taken and released by the press service of the 65th Mechanized Brigade of Ukrainian Armed Forces on December 29, 2025, Ukrainian recruits take part in a basic military training at an undisclosed location in Zaporizhzhia region, amid the Russian invasion of Ukraine. (Photo by Andriy Andriyenko / 65th Mechanized Brigade of Ukrainian Armed Forces / AFP) / XGTY / RESTRICTED TO EDITORIAL USE - MANDATORY CREDIT
Der Ukraine Krieg geht in den dritten Kriegswinter © AFP/Andriy Andriyenko

Warum diese Phase zu Ende geht, hat zwei Gründe. Erstens: 2026 bringt die Entscheidung, ob Russland den Donbass militärisch oder diplomatisch unter seine Kontrolle bringt. Die Verhandlungen stehen am Anfang, machen aber Fortschritte. In Washington hofft man auf einen raschen Durchbruch, doch Moskau knüpft einen Waffenstillstand an maximale Forderungen – von Gebietsabtretungen bis zu Beschränkungen der ukrainischen Armee. Das Haupthindernis bleibt Russland, das ohne vollständige Donbass-Kontrolle keinem Waffenstillstand zustimmen wird. Den Russen fehlt noch rund ein Fünftel der Region Donezk, während Luhansk fast vollständig besetzt ist.

Russland wird das militärische Tempo erhöhen, um so viel Territorium wie möglich zu erobern, während es Verhandlungen in die Länge zieht. Im Herbst gelangen Russland die größten Geländegewinne seit Mitte 2022. Sollte Russland militärisch nicht erfolgreich sein, wird es alles daran setzen, diplomatisch zu erreichen, was auf dem Schlachtfeld verwehrt blieb.

Zweitens: Die Ukraine könnte bereit sein, Teile des Donbass abzugeben solange Europäer und Amerikaner bereit sind, die Ukraine finanziell und militärisch weiterhin zu unterstützen. Doch die Asymmetrie ist groß: Europas Fähigkeit, die USA bei militärischer Unterstützung zu ersetzen, bleibt begrenzt. Der Kriegsverlauf 2026 hängt wesentlich von US-Entscheidungen ab.

Was können wir also erwarten?

Die Chance, dass Russland einen brüchigen Waffenstillstand bricht, ist sehr hoch – wie schon 2014 mit den Minsker Abkommen. Man darf nicht vergessen, wie lange solche Verhandlungen dauerten. Die Pariser Friedensgespräche zum Vietnamkrieg zogen sich von 1968 bis 1973, fast fünf Jahre. Vielleicht endet dieser Krieg 2026 nicht mit Frieden, sondern mit einem eingefrorenen Frontverlauf. In diesem Sinne stehen wir tatsächlich am Ende des Anfangs des Krieges in der Ukraine.