Russische Drohnen über Polen, mysteriöse Flugobjekte im dänischen Luftraum – was noch vor Jahren als reißerisch alarmierendes Szenario gegolten hätte, ist heute Realität. Diese Vorfälle sind kein Zufall, sondern Teil einer systematischen Kampagne Moskaus gegen die Europäische Union und die Nato. Wir befinden uns längst in einem Konflikt mit Russland, obwohl dieser nicht offen durch unsere Streitkräfte ausgetragen wird und keinen offenen Krieg beinhaltet.
Oft wird in diesem Zusammenhang von „hybrider Kriegsführung“ gesprochen – ein Begriff, den ich ablehne, weil er mehr verschleiert als Klarheit schafft. Sprechen wir lieber konkret: russische Sabotageakte, Cyberangriffe auf kritische Infrastruktur, mutmaßliche Mordpläne gegen deutsche Rüstungsmanager wie Armin Papperger von Rheinmetall, Brandanschläge in Munitionsfabriken und Logistikzentren quer durch Europa, und Luftraumverletzungen. Das sind keine abstrakten „hybriden“ Bedrohungen, sondern handfeste Angriffe auf die europäische Sicherheit und Souveränität.
Zwei historische Analogien
Wie aber soll Europa auf diese Formen der Aggression reagieren? Die Antwort auf diese Frage lässt sich am besten eruieren, je nachdem wie man die jetzige Sicherheitslage einschätzt. Grob unterteilt lassen sich dabei zwei historische Analogien unterscheiden: die des Ersten und die des Zweiten Weltkrieges Die Erste-Weltkrieg-Analogie warnt vor dem klassischen Sicherheitsdilemma. Zu robuste militärische Antworten könnten eine Eskalationsspirale auslösen, die womöglich in offene militärische Konfrontation mündet. Jede europäische Großmacht stand 1914 unter Zugzwang, so glaubte sie es zumindest, militärisch schnell loszuschlagen um einen Vorteil auf dem Verhandlungstisch zu erzielen. Nach dieser Logik sollte man vorsichtig agieren und weitere Provokationen vermeiden.
Die Zweite-Weltkrieg-Analogie hingegen ist an einem Wort aufgehängt: München 1938. Damals opferten Großbritannien und Frankreich die Tschechoslowakei, um Hitler zu beschwichtigen – ein fataler Fehler, der den Zweiten Weltkrieg nicht verhinderte, sondern nur hinauszögerte. Die Lehre des Zweiten Weltkrieges besagt: Wenn ein Aggressor nicht jetzt gestoppt wird, wird es umso blutiger später, ihn zu stoppen.
Was also tun?
Die Zweite-Weltkrieg-Analogie scheint mir die bessere – aus drei Gründen: Erstens hat Putin klare Ambitionen, die über die Ukraine hinausgehen und eine Neuordnung der europäischen Sicherheitsarchitektur beinhalten. Man denke nur an das Ultimatum an die Nato vom Dezember 2021, das praktisch die Rückabwicklung der Nato-Osterweiterung forderte.
Zweitens hat Russland aber kein direktes Interesse an einem offenen Krieg mit der Nato. Vielmehr will es Stück für Stück die Glaubwürdigkeit von Nato und EU unterminieren – mit dem Ziel der Einschüchterung, politischen Lähmung und Delegitimierung der EU und Nato. Daher sehe ich auch das Eskalationspotenzial für einen direkten Krieg mit Russland als gering.
Drittens gibt es historisch keine unaufhaltsame Eskalationsspirale, die, wenn man sie lostritt, nicht mehr gestoppt werden kann, wie es die Erste-Weltkrieg-Analogie besagt. Vielmehr sind es immer konkrete politische Entscheidungen, die solche Eskalationen auslösen. In diesem Sinn war es vor allem die bewusste Entscheidung Franz Josephs, im Sommer 1914 den Krieg ohne Rücksicht auf die Konsequenzen zu eskalieren.
Europa sollte Russland militärisch robust begegnen – russische Luftraumverletzungen dürfen nicht folgenlos bleiben. Gleichzeitig sollte man aber immer auch das Gespräch mit Moskau suchen – unter der Annahme, dass nur aus einer Position der Stärke heraus Verhandlungen mit Russland möglich sind.