Sein „Krokodils-Lächeln“ und sein cleveres Taktieren fürchten seine Gegner schon seit langem. In dieser Woche will Nigel Farage nun zeigen, dass sie allen Grund haben, beunruhigt zu sein.

Denn mit seiner Partei Reform UK, der Partei der britischen Rechtspopulisten, glaubt Farage den beiden „etablierten Parteien“ am 1. Mai gehörige Angst einjagen zu können. An diesem Donnerstag finden in weiten Teilen Englands Kommunalwahlen statt, bei denen Reform sowohl der Labour Party wie den Konservativen schwere Verluste beizubringen hofft. Auch bei einer parlamentarischen Nachwahl rechnet sich Reform gute Chancen aus.

Überraschend käme ein solcher Durchbruch nicht. Den letzten Umfragen zufolge hat die Rechtspartei inzwischen landesweit die Nase vorn. So weist das Meinungsforschungs-Institut YouGov Reform UK gegenwärtig 25 Prozent der Wählerstimmen in Großbritannien zu. Der regierenden Labour Party werden nur noch 23 Prozent zugesprochen, und den Tories gerade mal 20 Prozent. Wegen des spezifisch britischen Mehrheitswahlrechts würde ein solches Abschneiden Reform im YouGov-Kalkül 254 der 650 Unterhaussitze bescheren. Labour käme nur noch auf 183 Sitze. Und die Konservativen müssten sich mit 75 bescheiden.

Farage auf dem Sprung zu reeller Macht

Von allen Parteien werden die Kommunalwahlen mithin als der erste große Test seit den Unterhauswahlen vom vorigen Sommer betrachtet. Schneidet Farage diese Woche gut ab, sieht er sich in einer starken Position. Denn bis vor kurzem noch war die Partei des früheren Ukip- und Brexit-Party-Vorsitzenden im öffentlichen Urteil eher eine Protestbewegung am Rande der britischen Politik als eine Rivalin der „Großen“. Jetzt wähnt sie sich erstmals auf dem Sprung zu reeller Macht.

Tatsächlich ist es Farage gelungen, die Schwächen Labours wie der Tories erfolgreich auszubeuten. Die konservative Parteichefin Kemi Badenoch hat ihrer Partei schon dramatische Verluste vorausgesagt. Es werde „sehr, sehr schwierig“ werden, hat sie gewarnt. Denn überzeugender als Badenoch präsentiert sich Farage als Verfechter einer Politik nationaler Stärke, als Bollwerk gegen „Auswüchse“ der multikulturellen Gesellschaft und als ein Politiker, der radikal Steuern reduzieren und den „viel zu teuren“ Kampf gegen den Klimawandel zurückfahren will.

Die Konservativen sind noch nicht hinweggekommen über ihre historische Wahlniederlage des letzten Jahres. Von der ohnehin stark dezimierten Zahl der Tory-Wähler sollen in den vergangenen Monaten nochmals 20 Prozent zu Reform abgewandert sein, bei der Kommunalwahl sind fünf Dutzend Kandidaten von Reform ehemalige Tory-Gemeinderäte.

Kein Wunder, dass in Badenochs Partei bereits grimmig über die Frage eines künftigen Tory-Bündnisses mit Reform debattiert wird. Was das betrifft, grinst Farage nur fröhlich und breit. An einem voreiligen Pakt mit den Tories hat er wenig Interesse. Sein Markenzeichen ist ja gerade, anders als die anderen, ein demonstrativer Außenseiter zu sein.

Auch Labour-Wähler wechseln zu Farage

Mit diesem Rezept sucht sich Farage zugleich die in den letzten Monaten rasant gewachsene Unzufriedenheit im Lande mit Labour zunutze zu machen. Seit sich Keir Starmer im vorigen Juli auf der Basis eines äusserst bescheidenen Wähleranteils von 35 Prozent nahezu eine Zweidrittel-Mehrheit der Unterhaussitze sicherte, hat seine Politik vielerorts heftigen Unmut ausgelöst.

Progressive Ex-Labour-Wähler beginnen neuerdings die Liberaldemokraten oder die Grünen zu unterstützen. Über 10 Prozent der Labour-Wähler vom Vorjahr suchen ihr Heil inzwischen aber auch bei Reform. Ganz besondere Aufmerksamkeit hat Farage daher vor den Kommunalwahlen den alten Industriegebieten im Norden Englands geschenkt, die einmal als uneinnehmbarer „Roter Wall“ Labours galten, bis Brexit und Boris Johnson sie für einige Jahre Tory-blau färbten.

Diesen Working-Class-Wählern offeriert Farage nun eine „erneute Industrialisierung“ Großbritanniens, „vernünftigen“ Gewerkschaften zollt er Respekt. Auch das staatliche Gesundheitssystem habe er nie privatisieren wollen. Es müsse, versichert Farage, immer „frei“ für alle Patienten sein.

.Wir haben“, droht Farage Labour-Premier Starmer, „unsere Panzer auf der Wiese direkt am Roten Wall geparkt“. Dabei haben Reforms „Panzer“ in letzter Zeit schon über reichlich holpriges Gelände rollen müssen. Einzelne Panzer-Kommandeure haben rebelliert. Rechtsextreme Kandidaten und fragwürdige Charaktere aller Art mussten ausgesiebt werden. Und Elon Musk, der Reform eine Spende von 100 Millionen Dollar in Aussicht gestellt hatte, hat es sich letztlich anders überlegt – nachdem Farage ihm einmal vorsichtig zu widersprechen wagte. Nunmehr findet Musk, dass Nigel Farage schlicht „nicht das Zeug zum Parteiführer“ hat.

Auch dass Donald Trump, mit dem Farage in der Vergangenheit eng verbunden war, nun mit seiner Zollpolitik schweres wirtschaftliches Unheil heraufbeschworen hat für Großbritannien, ist zum Problem für Farage geworden. Eine Weile ging das Krokodil, ganz ohne das gewohnte Lächeln, auf Tauchstation.

Aber auch Rückschläge dieser Art haben den wachsenden Zuspruch für Reform nicht gemindert. So groß ist die Frustration mit Tories und Labour, dass Nigel Farages Populismus immer neue Wähler und Wählerschichten erreicht. Farage selbst zeigt sich allerdings überzeugt, dass er und er allein in der Lage ist, ein „kaputtes Britannien“ wieder instand zu setzen. Nach den nächsten Unterhauswahlen hofft er seinerseits britischer Premierminister zu sein.