Der Wolf ist hier längst wieder heimisch. Der Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal meint, wir sollten seine Anwesenheit als Chance begreifen, statt ihn zu verdammen. 

Lange steht auch juristisch fest, dass Wölfe – und andere große Beutegreifer – ein Lebensrecht in Europa haben. Denn Wölfe sind durch die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) der EU streng geschützt, auch in Österreich. "Problemwölfe" treten selten auf und sie dürfen legal entnommen werden. Sehr selten haben sie die Distanz zum Menschen verloren – weil sie angefüttert werden - oder sie erbeuten trotz Schutzmaßnahmen Weidetiere. Das Gesetz erlaubt auch keine "wolfsfreien Zonen", wie sie die rechtlich nicht haltbaren Verordnungen in Kärnten, Salzburg und Tirol vorsehen. Das Festhalten an Abschussphantasien durch die Politik und Funktionäre bedeutet einen Verrat an den Weidetierhaltern. Denn Abschuss ist keine Lösung, auch weil für jeden getöteten Wolf zwei neue kommen. Daten aus Frankreich, wo 60 Wölfe pro Jahr illegal abgeschossen werden, zeigen, dass damit die Nutztierverluste nicht sinken, sondern steigen. 

Daher ist es kurzsichtig, sich vor Rudelbildung zu fürchten. Wölfe breiten sich zwar rasch in aus, aber etablierte Rudeln verteidigen ihr Gebiet gegen andere Wölfe und halten auch jene Durchwanderer fern, die maßgeblich für Nutztierverluste verantwortlich sind. Das wären etwa sechs Wölfe auf 300 Quadratkilometern, die sich vor allem an Schalenwild (Hirsche, Rehe, Wildschweine) halten, welches ohnehin von der Jägerschaft hoffnungslos überhegt wird und damit eine naturnahe Waldwirtschaft in Österreich fast unmöglich macht. Aufgrund dieser Beutedichten kommen Wölfe rasch zurück und sie sind de facto für Menschen ungefährlich.  Zudem halten sie Wildbestände gesund und fördern die Artenvielfalt.

In Österreich leben derzeit drei Rudel, alle nördlich der Donau und es wandern bis zu 50 Tiere pro Jahr ein. Es werden mehr, weil Österreich von starken Wolfspopulationen umgeben ist. Am Herdenschutz führt also kein Weg vorbei. Der ist in den meisten Lagen gut und mit vertretbarem Aufwand möglich. Herdenschutz kann auch dazu beitragen, Verluste an Weidetieren durch andere Ursachen wie Krankheiten zu vermindern, er ist auch aus Tierschutzgründen erforderlich. Nach einer EU-Richtlinie aus 2018 sind Weidetierverluste durch Wolf und auch der mit Herdenschutz verbundenen Aufwand zu 100 % abzugelten. Die Politik müsste die Mittel bloß abholen.

In der Diskussion um die Wölfe empfiehlt es sich daher, die Emotionen zugunsten rationalen Denkens zu zügeln. Schließlich diskutieren wir heute nicht zuletzt aufgrund der gesetzlichen Rahmenbedingungen und auch im Interesse einer nachhaltigeren Land- und Forstwirtschaft nicht mehr, ob wir den Wolf wollen, sondern nur noch darüber, wie wir konfliktarm mit ihnen leben können. 

VORSTELLUNG DES L�NGSTEN LAUFBANDES DER WELT IN DER ARBEIT MIT W�LFEN UND HUNDEN
Kurt Kotrschal ist Verhaltensbiologe und lehrte an der Uni Wien. Er beschäftigt sich seit 2008 intensiv mit dem Wolf in Österreich. Sein jüngstes Buch ist auch diesem Thema gewidmet: "Der Wolf und wir" (Brandstätter)
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Für Almwirtin Andrea Pirker ist eine friedliche Koexistenz mit dem Wolf nicht möglich. Seine Anwesenheit bedrohe nicht nur Nutztiere, sondern die Almwirtschaft an sich.

Durch die künstliche Wiederansiedlung von Wölfen sind die für den Tourismus so attraktive Kulturlandschaft, aber auch die sichere Versorgung mit Lebensmitteln bedroht. Mögliche Entschädigungen für elendiglich zu Tode gerissene Tiere können meinen Schmerz und das Tierleid nicht vergessen machen.

Zermürbend ist vor allem die ständige Angst vor weiteren qualvollen Rissen, zu Tode gehetzten Schafen mit aufgerissenen Bäuchen oder vor abgestürzten Rindern. Panik und Stress führten bei der übrigen Herde sogar massenhaft zu Fehlgeburten. Diese emotionalen Lasten sind schwer zu tragen. Viele Berufskolleginnen und Berufskollegen spielen sogar mit dem Gedanken, die Tierhaltung aufzugeben. Teils passiert dies ohnehin schon.

Die Folgen sind katastrophal: Wiesen und Weiden bleiben ungepflegt, verwildern und verwalden. Damit gehen die traditionelle Almwirtschaft und unser beliebtes Wanderparadies in den Bergen den Bach runter. Ebenso verstärken unbewirtschaftete Almen sogar die verheerenden Schäden, die klimawandelbedingt durch Muren- und Lawinenabgänge entstehen. Die Konsequenzen: die Pflanzenvielfalt verarmt, der Tourismus leidet.

Auch das Tierwohl bleibt auf der Strecke. Mit unserer tierfreundlichen Alm- und Weidehaltung erfüllen wir die Wünsche der Bevölkerung. Doch dies wird durch den strengen Schutzstatus des Raubtieres Wolf untergraben – vielfach ist es zu riskant, unsere Tiere auf Almen und Weiden grasen zu lassen.

Der vielgepriesene Herdenschutz mit Zäunen ist rund um unsere Höfe teils zwar machbar, Errichtung und Wartung von Zäunen sind im abwegigen alpinen Raum aber viel zu aufwendig und kostspielig. Ohne finanzielle Unterstützung aus den Naturschutztöpfen wird Herdenschutz nicht umsetzbar sein. Zäune stoßen zudem Wanderer und Erholungssuchende vor den Kopf, die in der Natur Kraft tanken wollen. Auch für die Wildtiere sind solche Zäune ein Problem.

Ebenso sind Herdenschutzhunde keine wirkliche Lösung. Sie verteidigen nämlich ihre Herde auch gegen Wanderer und Mountainbiker. Wollen wir das?

In Zeiten, in denen Tierschutz und eine sichere Versorgung mit heimischen Lebensmitteln so bedeutsam sind, ist es für mich unverständlich, dass sich immer mehr angsteinflößende Raubtiere in intakten, landwirtschaftlich genutzten Gebieten frei bewegen dürfen.

Jeder sollte sich die Frage stellen: Wollen wir Bauern, Weidewirtschaft, hochwertige Lebensmittel und eine schön gepflegte Landschaft, in der man sich frei und sorglos erholen kann oder wollen wir das Raubtier Wolf? Beides wird es in Zukunft nicht geben.

Andrea Pirker ist betroffene Almbäuerin aus Neumarkt in der Steiermark. Fünf ihrer Schafe wurden bereits nachweislich von Wölfen gerissen
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