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Klimaforscher Gottfried Kirchengast"Wir werden Zeugen des Klimawandels"

Die aktuelle Hitzewelle zeige, dass der Klimawandel längst bei uns angekommen ist, sagt Klimaforscher Gottfried Kirchengast im Interview. Mit Österreichs Politik geht der Experte hart ins Gericht.

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Klimaforscher Gottfried Kirchengast © Trummer
 

Österreich stöhnt unter einer gewaltigen Hitzewelle. Erreichen wir Sie in einem klimatisierten Büro?
GOTTFRIED KIRCHENGAST: In meinem Büro gibt es keine Klimaanlage, aber ich wende eine günstige Lüftungstechnik an. Da gelten die üblichen Empfehlungen, etwa dass man die Fenster gezielt in der Früh öffnet und dann wieder schließt.

Dann verspüren Sie es ja am eigenen Leib: Wochenlang halten die Höchstwerte bei über 30 Grad – und das im Juni. Ist das noch im Bereich dessen, was als „normal“ durchgeht?
Bei einer Hitzewelle wie dieser gibt es schon einen deutlichen Anteil des Klimawandels. Das zeigt sich klar, wenn man vergleicht, wie die Ausprägung von Hitzewellen bei uns noch vor ein paar Jahrzehnten war und wie sie in den letzten Jahren gewesen ist. So kommen bei der aktuellen Hitzewelle allein bis heute, Sonntag, so viele Tage mit Höchstwerten von mehr als 30 Grad zusammen wie in den 1970er-Jahren in einem ganzen durchschnittlichen Sommer.

Das bedeutet, die Erderwärmung schlägt hierzulande stärker zu als im weltweiten Schnitt?
Ja, wir haben das etwa in der Südoststeiermark genau untersucht. In den 1970er-Jahren gab es dort Sommermitteltemperaturen von 18 Grad Celsius. Inzwischen liegen wir bei rund 21 Grad, also drei Grad mehr. Bis ins südwestliche Kärnten sehen wir zwei bis drei Grad mehr.

Was bringen diese Veränderungen mit sich?
Die schleichenden Effekte wie zunehmender Trockenstress von Pflanzen oder Schneemangel im Winter sind das eine. Das andere ist die Frage, wie sich mit dem Klimawandel das Extremwetter wie Dürren und Unwetter verändert. Und da sehen wir, dass in Südösterreich die Hitzetage um das Drei- bis Fünffache zugenommen haben. Das ist ganz klar der Fingerabdruck des Klimawandels. Bei den Extremereignissen fällt die Veränderung also noch stärker aus als im Temperaturmittel.

Gleichzeitig haben in den letzten beiden Jahren späte Frosteinbrüche schwere Schäden verursacht. Wie passt das zusammen?
Diesen scheinbar paradoxen Effekt verstehen wir physikalisch mittlerweile recht gut. Einerseits führt der wärmere Frühling dazu, dass die Pflanzen früher zu blühen beginnen. Andererseits bewirkt der Klimawandel, dass der Temperaturkontrast zwischen Subtropen und Polargebieten zunehmend schwächer wird und so einen stärkeren Nord-Süd-Austausch der Luftmassen ermöglicht. Das erleichtert auch das zwischenzeitliche Vordringen polarer Kaltluftzungen und damit überraschende Spätfröste.

Zurück zum Sommer: Werden Dürren wie jetzt zur Normalität?
Die Trockenheit nimmt zu, gleichzeitig verstärkt der Klimawandel aber auch kleinräumige Unwetter, die dann zu Überschwemmungen und Hangrutschungen führen können. Diese Ereignisse werden häufiger und auch intensiver. Für Südösterreich haben wir herausgefunden, dass – grob gesagt – pro Grad Celsius Erwärmung die Intensität von Starkniederschlägen um rund zehn Prozent zunimmt. Die Gewitterwolken-Zellen werden oft auch räumlich stärker konzentriert und die Auf- und Abwinde heftiger. Womit fallweise sogar auch die Hagelträchtigkeit steigt.

Also sind weiterhin wachsende Schäden durch Starkniederschläge zu befürchten?
Wenn man vergleicht, wie sich die Schadenskosten durch Unwetter, Dürren und weitere Wetterextreme entwickeln, zeigt sich das sehr deutlich, ja. Wir leben durch die Erderwärmung in einem Wettergeschehen, das einen anderen, sprunghafteren Charakter hat, als wir das früher gekannt haben. Weil das klare klimaphysikalische Gründe hat, sehen wir auch in vielen anderen Regionen der Erde, dass die Wetterereignisse schadensträchtiger werden. Das zeigen auch die Statistiken der großen Rückversicherer wie etwa der Münchener Rück.

Zur Person

Gottfried Kirchengast, geboren 1965, ist Leiter des
Wegener Center für Klima und Globalen Wandel der Uni Graz. Der Geophysiker und Meteorologe ist Träger mehrerer Forschungspreise und Mitglied der
Akademie der Wissenschaften.



Passt sich Österreich ausreichend an diese Bedingungen an?
Österreich hat zumindest einen strategischen Rahmen und Aktionsplan, wenngleich die Umsetzung von Bundesland zu Bundesland sehr uneinheitlich ist. Da wäre mehr politische Abstimmung wichtig. Man darf bei alldem aber nicht den Blick auf das Längerfristige verlieren. Die große und wichtigste Mittel- und Langfristvorsorge ist und bleibt der Klimaschutz.

Hier hat sich Österreich zuletzt weniger ausgezeichnet.
Andere Länder sind seit dem Abkommen von Paris 2015 mit klimapolitischen Rahmensetzungen wirklich weitergekommen. In Österreich ist das bisher nicht gelungen. Das beginnt sich langsam auch zu einem wirtschaftlichen Schaden auszuwachsen. Die Konzepte für eine gute Klimaschutz-Gesetzgebung liegen ja in der Schublade. So aber laufen wir Gefahr, dass wir beim Umbau in eine treibhausgasemissionsarme Wirtschaft hinten bleiben und durch politischen Kleinmut enorme Chancen verschenken. Das ist besorgniserregend.

Österreichs Emissionen haben zuletzt wieder zugelegt.
Ja, während zum Beispiel Deutschland seit 1990 fast 30 Prozent seiner Emissionen reduziert hat, stagnieren sie bei uns mehr oder weniger und wir kommen nicht vom Fleck. Die angekündigte Klima- und Energiestrategie für Österreich ist jetzt wieder auf die nächste Gesetzgebungsperiode verschoben worden. Das ist verantwortungslos und fahrlässig.

Stattdessen sollte die Verfassung um ein Bekenntnis zum Wirtschaftswachstum erweitert werden.
Gut, dass wir das bis auf Weiteres abwenden konnten, ich habe mich da auch engagiert. Da läuft aktuell eine volkswirtschaftlich unangemessene Diskussion, in der mit Arbeitsplätzen argumentiert wird, die nicht zukunftsträchtig sind, anstatt das große Ziel eines Umbaus hin zu einer klimagerechten Gesellschaft mit höherem Wohlstand im Auge zu haben. Die Aufgaben sind so vielfältig, im Bereich der Energie, des Bauens, der Mobilität, der Lebensweise und so weiter. Eigentlich müsste das im Wahlkampf zentrales Thema sein. Der Klimawandel findet real statt und verursacht reale Schäden. Davon sind wir derzeit ja gerade Zeugen.

Kritiker werden einwenden, dass Österreich als kleines Land den Klimawandel kaum stoppen kann. Die großen Mengen CO2 entstehen in China und den USA.
Da liegt ein fundamentaler Denkfehler vor. Ein plakatives Beispiel: Stellen Sie sich vor, im Straßenverkehr würden sich Einzelne sagen, ich muss mich nicht an Verkehrsregeln halten, denn von mir als Einzelperson hängt nicht ab, ob die Unfallstatistik steigt oder sinkt. Hier verstehen die meisten, dass jeder seinen kleinen Teil beitragen muss, damit das System funktioniert. Bei einem abstrakteren Problem wie dem Klimawandel ist das schwerer zu begreifen, weil es den Menschen im täglichen Leben nicht so nahe ist. Dabei ist es beim Klimaschutz sehr ähnlich: Jeder muss Mitverantwortung übernehmen.

Gesetzt den Fall, die Sache mit der Mitverantwortung klappt weltweit: Welche Folgen des Klimawandels wären überhaupt noch zu verhindern?
Dieser Trend zu mehr und stärkeren Wetterextremen könnte eingebremst werden. Natürlich bleibt ein gewisses Niveau an Wetterveränderungen, selbst wenn uns das Ziel der Begrenzung der globalen Erwärmung unter 2 Grad gelingt. Aber es wäre dann mit der weiteren Zunahme an Extremereignissen vorbei und damit würden auch die entstehenden Schäden nicht mehr ansteigen. Verzichten wir auf Klimaschutz, werden wir mit der Anpassung zunehmend überfordert. Wir können das Klimaziel noch erreichen, also nützen wir doch die Chancen!

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Danke für Ihr Verständnis.

paulrandig
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Lesenswert?

Es ist erstaunlich, wie viele Experten es hier im Forum gibt.

Wenn Leute anscheinend staatlich so gut bezahlt werden um etwas Falsches zu sagen und alle hier Bewertenden das wissen - warum haben die nicht auch alle so einen Job?
Laut Foren-Experten müssen hier ja aberdutzende Milliarden Euro zur Verfügung stehen, die eigenartigerweise weltweit in keinem Budget aufscheinen, aber trotz des sonst üblichen politischen Hickhacks laufend problem- und widerspruchslos abgesegnet werden um weltweit Hunderttausende gleichzuschalten, die alle weniger wissen als der Durschschnitts-User, aber anscheinend besser im Handaufhalten sind.
Im Gegensatz dazu erscheinen ja die drei bis vier dutzend bekannten Namen, die von Ölkonzernen gesponsert werden um mediale Unsicherheit und unter Internet-Usern Uneinigkeit zu säen, wie ein kleiner Fliegenschiss auf der Weltkarte der seriösen Wissenschaft...

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