Die Entwicklung hatte sich bereits im vergangenen Frühsommer deutlich abgezeichnet. Auf einen rekordverdächtig trockenen Winter, der kaum Niederschlag brachte, war ein überhitztes Frühjahr gefolgt, das die ohnehin nur dünne Schneeschicht über den Eismassen der Alpengletscher im Nu zum Abtauen brachte. Der Sommer hatte kaum begonnen, da brannte die Sonne bereits direkt auf das ungeschützte Gletschereis. Die Folge: Österreichs Gletscher schmolzen rasant dahin. Am Ende der Saison 2024/25 stand der achtgrößte Eisverlust der 135-jährigen Messgeschichte, wie der aktuelle Gletscherbericht des Alpenvereins zeigt.
Um durchschnittlich 20,3 Meter zogen sich Österreichs Alpengletscher demnach im Vorjahr zurück. Das ist zwar nicht der größte je registrierte Verlust, doch der Wert liegt nicht weit unterhalb der traurigen Rekordsaison 2021/22 mit minus 28,7 Meter mittlerem Eisrückgang. „Die Gletscher hatten ein ganz schlechtes Jahr, das sich aber leider in den Trend einfügt“, resumiert Gerhard Karl Lieb, Geograph an der Universität Graz und gemeinsam mit seinem Fachkollegen Andreas Kellerer-Pirklbauer Leiter des Gletschermessdiensts des Alpenvereins. In den vergangenen vier Saisonen lag der mittlere Längenverlust von Österreichs Gletschern konstant oberhalb der 20-Meter-Marke.
Gletscher sind in der Phase des Zerfalls angekommen
Besonders schlimm erwischt hat es diesmal den Alpeiner Ferner in den Stubaier Alpen, der einen Rückgang von mehr als 114 Metern zu verdauen hat. Knapp dahinter rangieren der Sonnblickkees (Salzburg) mit rund 104 Metern Verlust und der Krimmler Kees in der Venedigergruppe mit minus 90 Metern. „Von den 79 diesmal vermessenen Gletschern haben elf mindestens 30 Meter Länge verloren“, sagt Kellerer-Pirklbauer.
Fazit der Fachleute: Die Alpengletscher schwinden nicht nur, sie sind inzwischen in der Phase des Zerfalls angekommen. „Teilweise sind die Gletscher so dezimiert und mit Schutt bedeckt, dass es Spezialisten wie uns braucht, um sie überhaupt noch erkennen zu können“, sagt Lieb.
Bis 2050 werden die letzten Gletscher verschwunden sein
In Summe umfassen Österreichs Alpengletscher noch eine Gesamtfläche von 286 Quadratkilometern. Zum Vergleich: Um das Jahr 1850 betrug die Ausdehnung noch 950 Quadratkilometer. „Betrachtet man das Eisvolumen, ist davon auszugehen, dass inzwischen weniger als zehn Prozent der Gletschermasse übrig sind“, sagt Kellerer-Pirklbauer. Bis zum Jahr 2050 dürfte nach Einschätzung der Experten der letzte Rest – von einzelnen, versprengten Eisfeldern abgesehen – dahingeschmolzen sein. Österreichs Alpen wären damit praktisch eisfrei.
Auch die Pasterze am Fuß des Großglockners, mit rund 15 Quadratkilometern Fläche nach wie vor Österreichs größter Gletscher, musste wieder einen starken Aderlass hinnehmen. „Allein in der letzten Saison hat sie 7,3 Meter Höhe und 12,4 Millionen Kubikmeter Eis eingebüßt“, sagt Kellerer-Pirklbauer. „Diese Menge entspricht einem Eiswürfel mit 231 Meter Kantenlänge. Und das ist nur der Verlust im letzten Jahr.“
Wie das Gletscherjahr verlaufen ist, zeigt exemplarisch das folgende Zeitraffer-Video vom Kleinfleißkees im Nationalpark Hohe Tauern:
Klimawandel trieb die Temperaturen in die Höhe
Warum dieses den Gletschern so schwer zugesetzt hat, lässt sich an den alpinen Klimamessdaten ablesen. Zehn der zwölf Monate des Gletscherjahres zwischen Oktober 2024 und September 2025 brachten auf den Bergspitzen Temperaturen weit oberhalb des langjährigen Schnitts, der Juni 2025 fiel sogar um fünf Grad zu warm aus. Gleichzeitig brachte das Jahr um ein Viertel weniger Niederschlag als üblich. Motor hinter dieser Entwicklung ist der menschengemachte Klimawandel
Für Österreichs Gletscher ist es zu spät
Die Gletscherforscher gehen davon aus, dass mit dem weiteren Rückgang der Gletscher auch das Gefahrenpotenzial in den Alpen ansteigt. „Fehlt die stützende Eismasse, bilden sich eher Steinschläge“, sagt Lieb. Zudem sei zu erwarten, dass sich mit dem Verschwinden der letzten österreichischen Gletscher noch 150 bis 200 neue Gletscherseen bilden werden. Verhindern lässt sich all das zumindest in Österreich nicht mehr. „Für unsere Gletscher ist es zu spät. Bis klimapolitische Maßnahmen wirken, dauert es Jahrzehnte. Aber weltweit gesehen wäre ein Teil der Gletscher noch zu retten“, sagt Lieb
Alpenvereins-Vizepräsidentin Nicole Slupetzky plädiert deshalb für verstärkten Klimaschutz, der aber nicht auf Kosten der Natur gehen dürfe. „Trotz der alarmierenden Daten darf man nicht in Resignation verfallen. Für den Planeten ist die Chance noch da, das Schlimmste zu verhindern.“