Der Himmel über dem Wiener Museumsquartier ist bedeckt, doch in dem Bau nahe der Ringstraße spürt man die freudige Erwartung: Stimmgewirr erfüllt den Saal, der Chor macht noch ein Mal Stimmübungen und die aus Oberösterreich angereisten Goldhaubenfrauen zupfen ein letztes Mal ihre Schürzen zurecht: In wenigen Minuten beginnt die Amtseinführung von Cornelia Richter als Bischöfin der Evangelisch-Lutherischen Kirche Österreichs.

„Jeder hat eine Gabe“

Die Lesung trägt Lukas Hauser von der Evangelischen Jugend vor – junge Menschen, sie sind Richter ein großes Anliegen. „Dies alles aber wirkt derselbe eine Geist, der einem jeden das Seine zuteilt, wie er will“, heißt es in dem Brief des Apostel Paulus – jeder und jede hat seine Gaben, seine Fähigkeiten zugeteilt bekommen.

Der scheidende Bischof Michael Chalupka, ein gebürtiger Steirer, stellt seine Nachfolgerin dann offiziell vor: Sie ist im Pfarrhaus im oberösterreichischen Bad Goisern groß geworden, studierte Theologie und lehrte dann unter anderem an der Uni Bonn. In den Ferien „predigte und taufte sie in ihrer Heimatgemeinde und spendete Menschen in Trauer am Grab Trost.“

Tragen und von Gott getragen werden

Als er sie einst nach dem Grund ihres Engagements gefragt habe, habe Richter geantwortet: „Wenn ich Gottesdienst halten darf, dann bin ich ganz angekommen und dann merke ich, ob sich meine universitäre Theologie im Alltag der Gemeinde bewährt und ob sie trägt.“ Zugleich werde sie von Gottes Wort getragen, ist sich Chalupka gewiss. Und an die neue Bischöfin gerichtet, sagt er: „Dich schickt der Himmel.“

Von Himmelsbotinnen werde viel erwartet, fährt er fort. Glaube und Leben hätten der Vielseitigen jedoch gelehrt, dass sich nicht alle Erwartungen erfüllen und manche schmerzlich enttäuscht werden – sowohl Vater als auch Ehemann sind früh verstorben. Doch sie selber habe in einer Predigt gesagt, dass sich „immer wieder unerwartet Neues zeigt“ – und zwar ganz besonders da, wo es unerwartet ist. „Gerade dort ist unerwarteter Trost und unerwartetes neues Leben.“

„Heilsame Fröhlichkeit“

Später werden alle drei Festredner, Sozialministerin Korinna Schumann als Vertreterin der Bundesregierung, Michael Hoch, Rektor der Universität Bonn, sowie Bischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt vom Lutherischen Weltbund, Richters „heilsame Fröhlichkeit ansprechen“, die nichts Gekünsteltes sei, sondern vom Herzen komme.

Segenswünsche für die neue Bischöfin

Chalupka hatte zuvor das Bischofskreuz abgenommen und auf den Altar gelegt, um es später Cornelia Richter als erster Bischöfin der evangelisch-lutherischen Kirche in Österreich umzulegen. Sie übernimmt das Amt „mit Gottes Hilfe“. Vertreterinnen und Vertreter anderer Kirchen segnen die neue Bischöfin – darunter die altkatholische Bischöfin Maria Kubin – „Maria Magdalena sei Dir Vorbild, Gott behüte Dich in Deinem Amt!“ – sowie der designierte Wiener Erzbischof Josef Grünwidl und Bischof Manfred Scheuer für die katholische Kirche: „Der gute Gott segne Dich und schenke Dir ein hörendes Herz!“ Als sie sich dann der Feiergemeinde zeigt, brandet Applaus auf.

Zwischen Realität und Sehnsucht

In den Mittelpunkt ihrer ersten Rede stellt die Bischöfin das Magnifikat, das Loblied Mariens: „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“ Für Richter ist es ein „Lied der Menschheitsgeschichte – Glaubenszeugnis und Sehnsuchtstext zugleich.“ Denn es erzähle davon, dass Wunder geschehen, die niemand mehr erwarte. Vielen von uns, sagt sie, falle es ob Kriegsrhetorik, Pflegenotstand oder Klimakrise schwer, „fröhliche Lieder anzustimmen und vertrauensvoll in die Zukunft zu blicken“. Vielmehr seien Rückzug oder die Flucht in die eigene kleine Welt oft die Antwort.

Zeichen und Wunder

Doch die neue Hirtin der evangelischen Kirche in Österreich schlägt einen anderen Weg vor: „Dass wir zu einer Gemeinschaft zusammenfinden, die sich nicht schrecken lässt von dem, was ist. Sondern die zupackig auf die Dinge zugeht. Die mitten in dieser Gesellschaft steht und mit all jenen Menschen nach Lösungen sucht, die sich für unser friedliches Zusammenleben einsetzen.“ Mit dem Ziel, gemeinsam über das hinauszugehen, was von vielen erwartet werde. Und sie appelliert: „Lasst es uns versuchen! Dass auch in Zukunft Zeichen und Wunder geschehen!“

Als sich die Feiergemeinde zur Agape begibt, intoniert das Saxophon „Somewhere over the rainbow“: „Irgendwo über dem Regenbogen ist der Himmel blau. Und die Träume, die du zu träumen wagst, werden wirklich wahr...“