505 Tage lang ist der österreichisch-israelische Staatsbürger Tal Shoham im Gazastreifen Gefangener der Terrororganisation Hamas gewesen. Im weit verzweigten Tunnelsystem unter Gaza erlebte der 39-Jährige Folter, Schikanen und Entbehrungen, erzählte er im APA-Interview in Wien. Bei seinem ersten Österreich-Besuch trifft der Nachkomme einer Holocaust-Überlebenden am Donnerstag Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) und Außenministerin Beate Meinl-Reisinger (NEOS).

In der ZiB 2 bei Armin Wolf sagt Tal Shoham: „Ich bin glücklich, mit meiner Familie vereint zu sein.“ Doch er sei auch traurig, weil er „zwei neue Brüder“ zurückgelassen habe, denn sie seien noch in Gefangenschaft der Hamas. Mit ihnen verbrachte er den Großteil der Zeit.

In Gefangenschaft

„Mein Geheimnis bestand darin, dass ich nur den Tag überstehen wollte. Ich habe nicht an den nächsten Tag, die nächste Woche oder den nächsten Monat gedacht.“ Er habe nie gewusst, wie die Terroristen mit ihnen umgehen würden. „Wir können entscheiden, wie wir damit umgehen können.“

Die Zeit vertrieben sie sich unter anderem mit Kartenspielen: „Die hatten nach ein paar Wochen keine Farbe mehr. Wir mussten Zeichen darauf machen, damit wir sie lesen konnten.“ Sie hatten einander: „Wir haben viel gesprochen und gesungen. Wir haben uns gut kennengelernt.“

Erst am 50. Tag erhielt er einen Brief seiner Frau und erfuhr darin, dass es seiner Familie gut ging. „Das war das erste Mal, dass ich mir in Gefangenschaft erlaubt habe zu weinen. Von da an habe ich den Kampf um mein eigenes Leben geführt, nicht als Ehemann oder Vater.“

„Mindestens eine Generation zum Frieden“

„Ich habe kein Verlangen, mich am palästinensischen Volk zu rächen. Ich bin traurig über jeden Verlust an Kindern, Frauen und Männern, die Zivilisten sind“, sagt Shoham. „Die Menschen im Rest der Welt müssen verstehen, dass die Hamas nicht wie eine westliche Armee handelt. Sie wissen, dass sie das internationale Recht nicht befolgen.“ Sie würden sich nicht um ihr eigenes Volk kümmern, da sie sich in den Häusern von Zivilisten verstecken und von dort aus kämpfen würden.

Früher habe er daran geglaubt, dass Palästinenser und Israelis friedlich nebeneinander leben können. „Aber jetzt weiß ich, dass mindestens eine Generation nötig sein wird.“ Sie haben viele Menschen ermordet, die an Koexistenz geglaubt haben. Ich glaube, dass Frieden erreichbar ist, aber es wird Zeit brauchen. Jedenfalls nicht in den nächsten Jahren.“