Seit über zehn Monaten befindet sich ein mutmaßlicher IS-Attentäter in Saudi-Arabien in Haft, der vor der Al-Haram-Moschee in Mekka einen Anschlag durchgeführt haben soll. Hasan E. stach fünf Personen mit einem Messer nieder und verletzte sie teilweise lebensgefährlich. Wie erst kürzlich bekannt wurde, stammt der Mann aus Niederösterreich.

E. wurde nach Informationen der APA nach einem Suizidversuch mittlerweile in ein anderes Gefängnis verlegt. Eine Delegation der österreichischen Botschaft in Riad hatte ihn an seinem 20. Geburtstag im Spätsommer im Gefängnis besuchen dürfen. Zum Gesundheitszustand des jungen Mannes gibt es aktuell keine Informationen, auch nicht zu den Ermittlungen in Saudi-Arabien.

Messer kurz davor auf einem Markt gekauft

Formal ist aber auch in Österreich ein sogenanntes Inlandsverfahren gegen Hasan E. wegen versuchten Mordes, terroristischer Vereinigung und krimineller Organisation anhängig. Österreich war offiziell am 20. März 2024 durch saudische Behörden über die Bluttat informiert worden, die am 11. März zu Beginn des Fastenmonats Ramadan am Gelände der größten Moschee der Welt verübt worden war.

Der mutmaßliche Islamist aus der niederösterreichischen Provinz nahe Bruck an der Leitha hatte dem Opfer ein kurz davor gekauftes Messer in den Hals gerammt. Als Kollegen des Opfers den Bewaffneten festnehmen wollten,“hatte er auch sie angegriffen, und dabei wurden drei Beamte verletzt und eine Frau, die in der Moschee war“, heißt es in dem Memo, dessen Übersetzung der APA vorliegt.

Religiöses Motiv

Als Motiv gab der damalige Teenager an: „Er hat gesagt, dass sein Ziel das Töten der saudischen Sicherheitsbeamten und Militärpolizisten ist, weil sie Charidschiten sind und unter der Herrschaft des Tyrannen arbeiten.“ Charidschiten sind die Anhänger der ältesten religiösen Sekte im Islam des 7. Jahrhunderts. Ihr Hauptzweig ist heute die kleinste Richtung des Islam, abgespalten hatten sich die Charidschiten aufgrund von Meinungsverschiedenheiten über die Nachfolge des Propheten, die nach Mohammeds Tod einsetzten.

Bei dem mittlerweile 20 Jahre alten Burschen handelt es sich, wie Ermittlungen zeigten, um einen engen Vertrauten von Beran A., jenem jungen Mann aus Ternitz, der als Hauptverdächtiger im Zusammenhang mit den vereitelten Anschlagsplänen auf ein Taylor Swift-Konzert gilt. Es hätte Anfang August im Ernst-Happel-Stadion stattfinden sollen. Sichergestellte und mittlerweile ausgewertete Chats, über die zunächst die „Kronen Zeitung“ berichtet hat, belegen das Naheverhältnis und die terroristischen Absichten der beiden. Seit 9. Mai 2023 standen sie in regem Telefonverkehr, alleine im März 2024 führten sie 25 Gespräche, die teilweise über 50 Minuten dauerten.

Enge Kontakte mit Swift-Attentäter

Sie hatten zunächst auf Snapchat einen Treueschwur auf den IS veröffentlicht und dürften seit Februar ihre blutigen Terror-Pläne verfolgt haben. Während der Ältere Anfang März 2024 über Istanbul, wo er zunächst seine Mutter besuchte, nach Saudi-Arabien weiterreiste und dort offenkundig seine Pläne umsetzte, hätte der Jüngere gleichzeitig in Dubai einen Anschlag durchführen sollen. Der Ternitzer schreckte allerdings zurück und kehrte unverrichteter Dinge nach Österreich zurück, wo er bis Anfang August nicht auf den Schirm der Verfassungsschützer geriet. Erst dann erreichte die heimischen Behörden eine Warnung aus den USA, wonach der Ternitzer Anschlagspläne auf das Swift-Konzert verfolge. Beran A. wurde festgenommen.

Zu dem Zeitpunkt befand sich Hasan E. bereits fünf Monate in einem Gefängnis in Saudi-Arabien. Sein Bruder hatte ihn Mitte März 2024 als abgängig gemeldet, nachdem er eine E-Mail erhalten hatte, die kryptisch einen Selbstmordanschlag ankündigte. Der gemeinsame Vater war kurz zuvor an Krebs gestorben, Hasan E. hatte ihn bis zu seinem Tod daheim gepflegt.

Radikalisierung vermutlich in der Türkei

Hasan E. war am 1. März 2024 nach Istanbul gereist, wo er seine Mutter besuchte, die von ihrem Mann getrennt lebte und wieder in ihre türkische Heimat gezogen war. Ihr erklärte er, er wolle eine Umra - eine islamische Pilgerfahrt nach Mekka - unternehmen, um für seinen verstorbenen Vater zu beten, den Hasan E. bis zu dessen Tod am Wohnort der beiden gepflegt hatte. Der 20-Jährige reiste dann weiter nach Saudi-Arabien, zumindest seit 8. März dürfte er sich in Mekka aufgehalten haben.

Laut APA dürfte sich E. zuvor bei einem mehrmonatigen Aufenthalt bei seiner Mutter in Istanbul radikalisiert haben. Er kehrte mit einem markanten Bart zurück. Als er seine Mutter kurz vor dem mutmaßlichen Anschlag besuchte, wandte diese sich an die deutsche Beratungsstelle Radikalisierung. Sie „befürchte, dass sich ihr Sohn nach dem Tod seines Vaters radikalisiert habe und jetzt in den Dschihad gezogen sei“, warnte die deutsche Beratungsstelle. Festgehalten wurde auch, die Frau habe „bereits die österreichische Auslandsvertretung über die Sachlage informiert“.

 Die österreichische Botschaft in Riad erfuhr von den saudischen Behörden aber erst Mitte April Näheres zur Festnahme von Hasan E. Von der Tat selber hatte man am 25. März über einen deutschen Verbindungsmann Kenntnis erlangt. Im Memo werden Vermutungen angestellt, warum das Attentat international nicht bekannt wurde. Die Bluttat sei „in einem hochabgesicherten Bereich erfolgt. Es dürfte daher nicht im Interesse der Behörden des Königreichs Saudi-Arabien liegen, dass dieser Vorfall einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wird. Letzteres dürfte der Grund sein, weswegen dieser Fall medial nicht aufgeschlagen ist“, wird in dem Bericht festgehalten.