Offen gesagtÖffnet den einen Sonntag! Eine solidarische Geste für den leidgeprüften Handel

Der Sonntag bleibt ein schützenswertes Kulturgut. Dennoch sollte man den letzten Sonntag vor Weihnachten freigeben. Dem leidgeprüften Handel und den Konsumenten zuliebe.

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Am Grundsätzlichen soll nicht gerüttelt werden: Der Sonntag muss bleiben, der Damm halten. Das stärkste Argument für den Schutz des Sonntags ist die Synchronisierung der Gesellschaft. Sie bekennt sich dazu, einen Tag aus dem Alltäglichen herauszuheben und gegen die öde Einebnung zu positionieren. Wir trugen früher weiße Hemden nur an Sonntagen. Heute ist das weiße Hemd die Jogginghose. Die ist zwar nicht ganz so feierlich, aber als Code auch okay. Das Textil sagt nichts anderes als: Die Gesellschaft gönnt sich gemeinsam eine Pause.

An diesem Tag ist man nicht Subjekt der Wirtschaft. Kein Räderwerk streckt einen. Man muss weder Produzent noch Konsument sein. Man muss nichts sein. Der Tag hat etwas Anarchisches: Er steht quer. Er entzieht sich der Logik des Marktes. Man hält tätig inne und macht was für sich, die Familie, den Glauben, den Verein, seine Rituale. Man ist schöpferisch unproduktiv. Der Tag tut einem gut. Er ist ein Kulturgut. Christlich Inspirierte werden sagen, dem Tag haftet etwas Heiliges an. Religionsferne werden sich damit begnügen, ihm zumindest Heilendes zuzubilligen. Der Publizist Heribert Prantl hat geschrieben, gäbe es keinen Sonntag, bräuchte man viel mehr Therapeuten.

Natürlich kann man sagen, das Ruhebedürfnis gehe den Staat nichts an. Jeder solle sich selbst seinen Sonntag suchen und finden. Alles kann man individualisieren, wie wir grad freudlos erfahren. Fest steht: Individualisiert man die Idee des Sonntags, ist er als Idee tot. Dann ist er eingeebnet im Sog und Tempo der Werktage. Dann wäre der Sonntag kein Sonntag und keine Oase mehr. Wenn man also an diesem Schutzwall, der 1700 Jahre am Buckel hat, prinzipiell als Wert festhält, kann man innerhalb des Walls anlassbezogen entspannt undogmatisch sein.

Es geht um den letzten Sonntag vor Weihnachten, den ersten nach dem Lockdown. Prinzipiell hätten die Geschäfte zu. Es gibt gute Gründe, das Prinzip Prinzip sein zu lassen. Für dieses eine Mal. Der Handel wird dann drei Wochen geblutet haben. Er ist in den umsatzstärksten Wochen auf seinen Waren, im guten Glauben bestellt, sitzen geblieben. Obwohl der Handel kein pandemischer Brandbeschleuniger war, hatte er sich mit unterdrücktem Groll den Maßnahmen zu fügen. Die Branche leistete wie andere einen schmerzhaften, solidarischen Beitrag zur Drosselung der Infektionszahlen.

Staat und Gesellschaft tun gut daran, sich zu revanchieren. Die Geschäfte sollten an diesem einen Sonntag öffnen dürfen, zur Linderung des Schadens. Nur die Supermärkte, keine Krisenverlierer, bleiben zu. Die Handelsangestellten haben drei Wochen unfreiwillig Sonntag und würden sich den abgegoltenen Zusatztag bestimmt zumuten. Der Nachholeffekt der Schenkfreudigen hätte einen Tag mehr, um sich auszuleben. Der zweckfreie Sonntag wäre zweckgewidmet. Es wäre kein Dammbruch, sondern eine feine, empathische Geste.

Kommentare (2)
JamesJolly
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LOL

Ein Schuft, wer behauptet, der Konsumkult hätte wesentlich dazu beigetragen, dass wir uns zum wiederholten Mal im Lockdown befinden.
Ja, Prioritäten muss man haben! Einen der wichtigsten religiösen Feiertage ohne schon bis zur Unkentlichkeit in sein Gegenteil umfunktioniert. Aber der Konsumgott will noch mehr.

zweigerl
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4
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Eine feine, empathische Geste?

Die Argumente für diese einmalige, dem Handel dienende Sonntagsöffnung sind durchaus fundiert und nachvollziehbar. "Die feine, empathische Geste": Feiner kann man es nicht ausdrücken. Kein Gewerkschaftler, und nicht einmal der Herr Mahrer könnte es so adventversöhnlich sagen, um den Tiger aus dem Käfig zu lassen und Geschäftsbilanzen zu retten Trotzdem würde ich mir wünschen, dass nun endlich diese Lockdown-Katastrophen grundlegende Langfrist-Lernprozesse nach sich ziehen. Alte Ladenhüter wie diese bulimische Geschenksverstopfung durch das längst entwertete Fest der "Heiligen Nacht" stehen seit Jahren auf der Agenda, um an einer besseren, dem Brachialkonsum abschwörenden Gesellschaft zu bauen.