KolumneDirk Stermann: Bitte keinen Overkill

×
Artikel gemerkt

Gemerkte Artikel können Sie jederzeit in Ihrer Leseliste abrufen. Zu Ihrer Leseliste gelangen Sie direkt über die Seiten-Navigation.

Zur Leseliste
Dirk Stermann
Dirk Stermann © (c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
 

Für Ärzte ohne Grenzen, für SOS Mitmensch, für die Kindernothilfe, immer schon. Für Amnesty International, Greenpeace, gegen Abschiebungen, gegen Femizide, gegen Kinderarbeit. Für die Impfung, für Roma und Sinti, dazwischen Spots für Wirtshäuser oder Theater, gegen Abholzungen. Als Mensch in der Öffentlichkeit kommen Anfragen fast so oft wie Rettungswagen in Spitäler mit Corona-Stationen. Anders als die Ärztinnen und Pflegerinnen in den Spitälern kann ich Anfragen auch mal absagen. Ich will keinen Overkill. Ich will nicht, dass man mich mit jedem Notstand in der Welt verbindet, weil dann jeder Einzelne weniger Gewicht bekommt! Aber die Weihnachtszeit kommt und Licht ins Dunkel habe ich abgesagt. Ich werde nicht am Spendentelefon sitzen, weil ich parallel versprochen habe, für Obdachlose da zu sein. Ich könnte täglich etwas Gutes tun und damit gar nichts mehr bewirken. „Der Stermann ist eine Gutmensch-Hure, die es mit jedem Problem treibt“, würde man sagen und das möchte ich nicht. Weniger wegen mir als wegen der Anliegen, um die es geht.

Die evangelische Kirche schreibt mir seit Monaten, sie hätten gehört, ich sei evangelisch. Ob ich nicht Podcasts bestreiten wolle oder virtuelle Adventkalender befüllen mit Clips, in denen ich Weihnachtliches von mir gebe. Ich reagierte nicht, aber Gott, selbst der evangelische, ist hartnäckig. Er kennt seine kleinen Menschen. Darum ließen sie nicht locker, die Protestanten und schließlich willigte ich ein. Obwohl ich seit Jahren mit dem Gedanken spiele, auszutreten, aber das ist für waschechte Protestanten eher ein Gottesbeweis.

Ich erinnere mich an meine Konfirmation. Mein Pfarrer in Deutschland hieß Backhaus und hatte eine Frisur wie ein Nationalsozialist. An den Seiten rasiert und oben ein bizarres Haarbüschel auf dem Kopf. Er zwang uns, mindestens dreimal im Monat in den Gottesdienst zu kommen, zwei Jahre lang. Ich hatte ein kleines Heft, in dem er jeden Besuch abstempelte. Wer zu wenig Stempel hatte, wurde nicht zugelassen zur Konfirmation, was schlecht war, denn man bekam sehr viele wertvolle Geschenke zur Konfirmation, wie es hieß. Also kam ich mit prophylaktischen Dollarzeichen in den Augen regelmäßig in die Kirche. Ich hörte den Predigten zu und wunderte mich über vieles. Dass man das alles glauben konnte, obwohl ich in der Schule das Gegenteil gelernt hatte. Pfarrer Backhaus lobte mich im Konfirmationsunterricht für meine Kritik. „Du solltest Theologie studieren“, riet er mir. „Wieso? Ich sag doch gerade, dass ich das alles nicht glaube!“ „Eben“, antwortete er ruhig. „Genau deshalb!“ Ich starrte fassungslos auf das Haarbüschel auf seinem ausrasierten Schädel. Wie perfide: einfach seine Kritiker einverleiben zu wollen! Nicht mit mir.

Backhaus ließ mich durch die Konfirmandenprüfung fallen, weil er von meinem Referat über „Brot für die Welt“ enttäuscht war. „Nur fünf Seiten ist dir das Thema wert? Schreibe noch fünf und ich lass dich vielleicht zu.“ Also schrieb ich, was das Zeug hielt. Brote für die Welt, in der Hoffnung auf eine Videokamera für mich. Gut. Heut zahl ich zurück. Meistens gern. Solange es nicht inflationär wird.

Diskutieren Sie mit - posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung!