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KolumneDirk Stermann: Wundschuh und die Schmerzgrenze

Dirk Stermann
Dirk Stermann © (c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
 

Jedes Mal, wenn ich die Ausfahrt Wundschuh nehme, denke ich an blutige Blasen an der Ferse. Natürlich weiß ich, wie jeder, der diese Ausfahrt nimmt, dass Wundschuh ursprünglich Wrmscah hieß. Althochdeutschkundige brauchen kein Wörterbuch, um die Bedeutung sofort zu erkennen. Richtig, Wrmscah heißt Schlangenwald. Trotzdem spür ich meine Ferse.

Zu enge Schuhe gehören zu den schlechtesten Erfindungen der Menschheit, die immerhin Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch und die zweite mittelhochdeutsche Lautverschiebung erfunden hat. Der Kabarettist Lukas Resetarits zum Beispiel liebt Wundschuhe. Auf der Bühne trägt er ausschließlich Schuhwerk, das ihm ein bis zwei Nummern zu klein ist. So kann er sich besser konzentrieren. Achten Sie bei einem seiner Auftritte einmal darauf, ob ihm Blut aus den Schuhen quillt. Falls Sie Blut sehen, machen Sie sich keine Sorgen. Resetarits braucht das. In passenden Schuhen kann er nicht spielen. Er braucht den durchgehenden Schmerz.

Beim Wandern hatte ich schon oft Blutblasen, darum bin ich auch nur ein einziges Mal im Leben gewandert. Auf halber Höhe, weit von der ersten Jausenstation entfernt, humpelte ich stärker als jeder Kriegsversehrte, dem man sämtliche Beine abgenommen hat. Jeder kleine Schritt trieb mich beinahe in die Bewusstlosigkeit. Der Weg war steinig, barfuß hätte ich noch mehr gelitten. Ich zog den Wundschuh aus und sah es. Eine blutgefüllte Blase, groß wie eine Philharmoniker-Münze. Nicht golden, sondern tiefrot.

„Am besten, du ziehst den Schuh wieder an. Die spitzen Steine verletzen dir sonst auch noch die Ballen“, riet man mir. Und so zog ich den Horrorschuh wieder über die Blutblase. Es fühlte sich an wie die Wurzelbehandlung eines eitrigen Zahnes ohne Narkose. Ich versuchte, auf den Zehenspitzen zu gehen, aber es gibt keine Methode, schmerzfrei in Wundschuhen zu gehen. Man kann sie nur ausziehen. „Auf dem Gipfel gibt es eine Bergstation, da kann man dich verarzten“, versuchte man mir Mut zu machen. Ich wanderte unter Schreien und mit Tränen hinauf. „Geschlossen“ stand an der Bergstation. Ich warf mich auf den Boden und zog die Schuhe aus. Ich weigerte mich, sie wieder anzuziehen, meine Begleiter mussten die Bergrettung rufen.
„Ich blute aus dem Fuß“, sagte ich zum Bergretter.
„Sind Sie Kabarettist?“
„Warum?“
„Weil der Kottan auch immer aus den Füßen blutet. Ich hab ihn mal im Orpheum in Graz gesehen. Es sah aus, als hätt man ihm in die Ferse geschossen. Treten Sie hier oben auf?“ „Nein, ich trete nicht mehr auf. Nicht mit diesen Schuhen. Haben Sie eine Trage?“ „Eine Trage? Für ein Blaserl am Fuß?“ Lachend verließen mich die Bergretter. Ich beschloss, mich ins Tal rollen zu lassen. Mehrmals stieß ich gegen Felsen und Bäume, aber alles war besser, als in Wundschuhen zu leiden. Wenn ich heute in Wundschuh abbiege, reißt’s mich kurz. Noch immer. Aber dann freue ich mich auf meine Freunde im Gut Hornegg in Preding. Dort gibt es fantastischen Fisch. Und Fische tragen keine Schuhe.

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