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Kolumne Valerie Fritsch: Im Land, das es nicht gibt

Valerie Fritsch
Valerie Fritsch © (c) Martin Schwarz, oxyblau photography
 

Zu Zeiten, da man noch reisen konnte, konnte man selbst in Länder reisen, die es gar nicht gibt. Die Entdeckerwut hat eine Schwäche für Ausflüge ins Unmögliche, Spritzfahrten ins Ausgeschlossene, für Orte, die mit ihrer Geschichte verloren in der Wirklichkeit herumhängen. In nicht anerkannten Staaten schaut man sich besonders sorgfältig um, um ihren Abweichungen und Lebensgefühlen auf die Spur zu kommen, und kann sie doch nicht erfassen. Vor langer Zeit, fast möchte ich sagen, in meiner Jugend, besuchte ich Transnistrien, kaufte Cognac und Briefmarken, die nirgends galten, bloß auf den paar Tausend Quadratkilometern der Wunschrepublik, und vor einem Jahr fuhr ich nach Bergkarabach, von dessen neu entflammten Konflikten man nun beinahe täglich in der Zeitung liest.

Zuvor war ich für ein paar Tage durch Armenien gereist, in einem kleinen Auto über große Schlaglöcher, durch weite magische Landschaften voller Klöster und Industrieruinen, die wie Kapseln in ihrem stillen Inneren andere Zeiten und andere Götter bewahrten. Um am Straßenrand im Nirgendwo einen Fremden zum Freund zu machen, genügte eine winkende Hand, und auch wenn man die Sprache nicht teilte, verstand man sich bei einer gemeinsamen Kaffeetasse voll Selbstgebranntem stets ohne jede Mühe. Auf einer Wanderung durch steiles Gelände sah uns ein Hirte, packte meine Begleitung und mich wild entschlossen und erfreut in einen uralten Lada und fuhr fluchend ohne Straße den Berg hinauf.

Auf dem einsamen Gipfel platzten wir in ein Fest, wie ich es noch nie gesehen hatte, eine Familie feierte zwischen Chatschkars, riesigen Steinkreuzen, und einer Aussicht, die einem das Herz verschlug, vor einer kleinen, halbverfallenen Kirche den Abschied eines jungen Soldaten, der eben nach Bergkarabach einrückte. Die Großmutter hatte einen ganzen Mund voll Goldzähne, dass ihr Lachen in der Sonne glänzte wie ein Schatz, schloss uns in die Arme und reichte uns Huhn und Käse auf Plastiktellern. Beim Picknick zwischen Grabsteinen lernten wir mithilfe des Google-Translators über die Territorialstreitigkeiten, ein Stück Erde, das den einen am Papier gehört und die anderen in der Wirklichkeit bewohnen.

Am nächsten Tag schon begaben wir uns selbst in die Republik Arzach, wie sie sich seit ein paar Jahren nennt. Damals war alles ruhig, wir fuhren über die Grenze durch einen Krieg, den man auf den ersten Blick kaum sah, der sich als Frieden tarnte, mit denselben hübschen Häusern und rostigen Autokarosserien und winkenden Menschen am Wegesrand. Den ganzen Tag gab es keinen Telefonempfang, man verschwand aus der vernetzten Welt und tauchte erst nach dem Grenzübergang wieder auf. Es war nicht viel Zeit, denn innerhalb von vierundzwanzig Stunden mussten wir das Land, das es offiziell nicht gibt, wieder verlassen. Übrig blieben nur ein Visum im Pass, aufgrund dessen man mir die Einreise nach Aserbaidschan verweigern würde, und die Erinnerungen an den jungen Soldaten und seine Familie, an die ich dieser Tage öfter bang denken muss.

Kommentare (1)
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GordonKelz
0
4
Lesenswert?

Davon könnte man gerne mehr lesen.

Gordon Kelz