Bitte warten - Ihr Zugang wird eingerichtet.

MorgenpostÜber Wiesingers Aufzeichnungen aus der schulischen Wirklichkeit wird ideologiefrei zu reden sein

Der tägliche Morgenpost-Kommentar aus der Chefredaktion.

Ein Bild aus Tagen, als noch Einigkeit herrschte: Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) und Pädagogin Susanne Wiesinger © APA/Helmut Fohringer
 

Guten Morgen!

Auf einmal war die rote Lehrerin Susanne Wiesinger eine türkise Trophäe. Es ist ein Jahr her. Die Wiener Pädagogin hatte in einem Buch die tabuisierten Probleme mit muslimischen Schülern und Schülerinnen thematisiert, schlimme Geschichten religiös torpedierter Integration, die ihre Partei, voran die sozialdemokratische Lehrergewerkschaft, nicht hören wollte. Das Thema war unerwünscht, weil es nach roter Binnenlogik die Erzählung des politischen Gegners unterstützte. Lieber schwieg man. Darüber schrieb Wiesinger. Es ist mit ein Grund, warum die SPÖ den Rang einer Volkspartei einbüßte.
 
Die Türkisen waren raffinierter. Wiesinger, die gefeierte Bestseller-Autorin, wurde Ombudsfrau für Wertefragen und Kulturkonflikte. Ein toller Fang, den Heinz Faßmann, der Waidmann, mit Stolz präsentierte. Ein Jahr später verjagt man sie als weiblichen Wallraff. In einem neuen, quotenträchtigen Buch, das heute vorgestellt wird, beschreibt Wiesinger das Bildungsministerium als ideologiedurchtränkten, reformunfähigen Koloss, dem die Ombudsfrau von Beginn an ein Dorn im Auge war, ein Implantat, das der ministerielle Organismus brachial abstieß.
 
Die Freiheit, die Fassmann der Pädagogin offiziell zugebilligt hatte, sei dem Ministerium „zuwider“ gewesen, schreibt Wiesinger. Interviews mit Medien seien zensuriert, die Gespräche mit den Direktoren und Lehrern durch Beisitzer kontrolliert worden. Wiesinger sollte die Sorgen und Nöte an den Schulen, vor allem den brennenden, dokumentieren, aber nur bis zu jener Linie, wo der Befund mit der türkisen Lehre in Einklang stand. Ethik-Unterrricht für alle, Deutschklassen, die schlecht funktionieren, weil die Gruppen zu groß waren, all das rief politisches Missvergnügen hervor. Wiesinger fühlte sich benutzt. Sie entzog sich der Message Control, so, wie sie sich zuvor der Ideologie der Verdrängung durch die Roten entzogen hatte. „Das Kabinett wollte am liebsten eine Sprechpuppe ohne eigene Meinung“, schreibt Wiesinger.
 
Das neue Buch zertrümmert diese Erwartung bis an den Rand der Illoyalität. Die Ombudsfrau hat es heimlich verfasst und den Minister erst vor wenigen Tagen in Kenntnis gesetzt. Der Bruch war kalkuliert. Er ist nachvollziehbar. Die Vorgangsweise ließ keine andere Konsequenz zu. Da half auch der intern übergebene Endbericht, den Wiesinger gestern in der Zeit im Bild in die Kamera hielt, nicht. Jede Firma hätte gleich gehandelt. Die Empörung der SPÖ („Ideologie muss raus aus der Schule“) ist Heuchelei. Ohne ihre Ideologie gäbe es den Fall Wiesinger nicht.
 
Bedrückend sind die Missstände, die die Buchautorin als Ergebnis der zahllosen Schulbesuche beschreibt, vor allem in den Ballungszentren. Horrende Sprachmängel bis hinein in die zweite, dritte Generation von Migranten. Antijüdische Ausfälle muslimischer Schüler, die Lehrer davon abhalten, Mauthausen mit der Klasse zu besuchen. Die Weigerung, das Wort „Rock“ als etwas Unzüchtiges ins Vokabelheft zu schreiben, modernen Theateraufführungen beizuwohnen oder Teilen des Biologie-Unterrichts. Der Einfluss von Moscheen auf die Jugendlichen. Die Aufforderungen aus der Community, muslimische Mitschüler in den Klassen zu bespitzeln, um westlichen Assimilierungen entgegenzuwirken. Die Ächtung von Beziehungen zu Nicht-Muslimen. Die „Heiratsmärkte“ für 15-Jährige. Das Krankschreiben bei Sportveranstaltungen. Die Hemmung vieler Lehrer, all das offen anzusprechen, weil es nicht in den Kanon politischer Korrektheit passt.
 
Auch wenn jetzt Susanne Wiesinger, die abgehängte Trophäe, eine parteiübergreifend unerwünschte Person ist: Über ihre Aufzeichnungen aus der schulischen Wirklichkeit wird ideologiefrei zu reden sein.
 
Einen guten Start in die Woche wünscht

Diskutieren Sie mit - posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung!
Kommentieren