Adventgepräch über das VertrauenGroße Dinge beginnen oft klitzeklein

Vertrauen ist der Motor aller Beziehungen. Doch was passiert, wenn man niemandem mehr vertrauen kann? Gabriele Waerder hilft Kindern und Jugendlichen in die Spur, die aus ihrer Umlaufbahn geschleudert wurden.

×
Artikel gemerkt

Gemerkte Artikel können Sie jederzeit in Ihrer Leseliste abrufen. Zu Ihrer Leseliste gelangen Sie direkt über die Seiten-Navigation.

Zur Leseliste
Gabriele Waerder leitet das Schlupfhaus, die Notschlafstelle der Caritas für Kinder und Jugendliche
Gabriele Waerder leitet das Schlupfhaus, die Notschlafstelle der Caritas für Kinder und Jugendliche © ALEXANDER DANNER
 

Ein paar verkümmerte Reste von Schneemännern erinnern noch an die 24-stündige romantische Schneelandschaft, die sich längst wieder verzogen hat. Gekommen ist dafür ein trister, neblig grau-brauner Dezembertag, der selbst die hartgesottenen Optimisten von den Fenstern fernhält. Außer, sie blicken auf das Grundstück am Grazer Mühlgangweg 1: Dort steht inmitten eines großen Gartens eine Art moderne Villa Kunterbunt: grauer Korpus, eingefasst mit gelben, roten und blauen Streifen. Eine bunte Trutzburg gegen die Unwägbarkeiten des Lebens. Vor knapp 25 Jahren standen hier noch ein paar Container als Antwort darauf, dass sich auch in einer Wohlstandsgesellschaft das Wohl nicht wie ein Füllhorn über alle ergießt. Aber das Wissen darum macht es nicht automatisch sichtbar, im Gegenteil: „Ganz viele Menschen leben in ihrer Blase. Man lebt in seiner Wohnung mit Balkon oder im Haus mit Garten, vor der Tür steht das Auto. Man kann halt auch gut wegschauen“, skizziert Gabriele Waerder die gut eingeübte gesellschaftliche Vermeidungshaltung.

Gespräche im Advent

An den Adventsonntagen beleuchten wir Werte, die im Advent und in Zeiten des Umbruchs eine noch tiefere Bedeutung bekommen. Wir haben Menschen mit einem besonderen Bezug dazu getroffen. In diesem Gespräch geht es um das Thema Vertrauen.

Seit über 20 Jahren ist Waerder Teil des Schlupfhauses, seit sechs Jahren leitet sie die Notschlafstelle der Caritas für Kinder und Jugendliche. Die Einrichtung ist so etwas wie der Panikknopf, den 14- bis 21-Jährige drücken können, wenn sie persönliche Krisen in die Knie zwingen. Diese Krisen können klein, groß und nicht selten übermächtig sein. Vom Streit mit den Eltern, schulischen Problemen bis hin zu Gewalt, Drogen und Missbrauch. Wer hierherkommt, braucht vor allem eines: Soforthilfe. Vieles ist hier anders als in der Welt da draußen: Wer hier anläutet, muss sich weder vorher anmelden noch anrufen, noch auf irgendeiner Plattform ein Zimmer buchen. Einfach ist das trotzdem nicht, weil das unsichtbare Gepäck, das man mitschleppt, schwer genug ist: „Es ist eine sehr schambesetzte Situation, bei einer Notschlafstelle anläuten zu müssen. Ganz egal, ob man 14 oder 40 ist. In der Gesellschaft gilt das als Scheitern, als ein Nicht-zurande-Kommen, als ein Nicht-Genügen.“

Wer hier anläutet, braucht weit mehr als nur die Basisversorgung mit Bett und Essen, sondern eine Notfallgrundimmunisierung in Sachen Vertrauen. Denn persönliche Krisen gehen immer auch mit einem Vertrauensverlust einher: in andere und in sich selbst. Vertrauen ist eine mächtige und harte Währung, auch wenn sie nicht so theatralisch auftritt wie die Liebe – die übrigens ohne Vertrauen auch nur die Hälfte wert ist. Vertrauen ist der Klebstoff in all unseren Beziehungen. Strapazierfähig, aber nicht endlos dehnbar. Wird er brüchig, nehmen Beziehungen Schaden, der nicht selten irreparabel ist. Diese scharfen Abbruchkanten zu glätten, ist die Aufgabe von Gabriele Waerder und ihrem Team.

"Große Dinge beginnen oft klitzeklein“, lautet einer der Sprüche, der hier an einer Tür klebt. „Wir versuchen hier eine Atmosphäre zu schaffen, wo Jugendliche ankommen können.“ Durchschnaufen und herunterkommen können. Das klingt nach Selbstverständlichkeit, ist es aber nicht, so Waerder: „Vor allem im Lockdown haben wir weggewiesene Jugendliche gesehen, die daheim aufgrund der Enge ausgeflippt sind.“ Gerade in solchen Situationen ist der unbedingte Vertrauensvorschuss Teil des Erste-Hilfe-Pakets: „Auch wenn manche Jugendliche oft nicht zum Aushalten sind – provokant, frech, nicht kooperativ. Dabei geht es oft darum, einen Schritt zurückzugehen und die ganze Person zu sehen“, so die 54-Jährige.

Jemandem ohne Vorurteile die Hand zu reichen, ist kein einfacher Job, aber es gehört zur Basisausrüstung einer Vertrauensperson wie das Sicherungsseil zum Bergsteiger: „Wir akzeptieren alle Lebenslagen. Es ist völlig egal, ob jemand gestern aus dem Gefängnis entlassen wurde oder in die achte Stufe Mittelschule geht und heuer maturieren wird. Bei uns sind alle gleich.“ Wobei den Weg zu ebnen, heißt nicht automatisch auch eine Einbahnstraße gebaut zu haben: Vertrauen funktioniert wie ein Kreisverkehr, den beide Seiten in Schwung halten müssen. „Vertrauen ist in jedem Fall ein Geben und ein Nehmen. Und für mich ist es das oberste Prinzip, das Kids brauchen, die in ihrem Vertrauen schon oftmals enttäuscht wurden oder Vertrauenskrisen haben: Klarheit, dann gibt es keine Enttäuschungen.“


Heißt also auch, dass ein sicherer Hafen immer auch Regeln braucht, denn wo Vertrauen ist, lauert auch der Vertrauensbruch. Aber davon lässt man sich hier nicht beeindrucken, auch wenn die Rückschläge oft über Nacht kommen: „Natürlich wirst du in diesem Job auch vertrauensmäßig sehr gefordert. Jemand kann am Abend streichelweich sein und am nächsten Tag beschimpft er dich.“ Von außen betrachtet, zerrt das gewaltig am Vertrauensband, könnte man meinen. Wie oft ist man persönlich von jemandem enttäuscht? „Ich glaube, ich habe noch nie zu einem Jugendlichen gesagt: ,Ich bin von dir enttäuscht.‘ Der Satz käme mir nicht in den Sinn. Es gilt hier wieder zu stärken. Maximal würde ich sagen: Da habe ich mehr erwartet und ich glaube, du kannst das. Die leeren Kilometer, die man geht, mit diesen muss man rechnen“, so die vierfache Mutter.

Es ist ein Fahren auf Sicht, das etwaige ungeplante Umwege auch als Teil der Wegstrecke sieht. Eines weiß man hier im Schlupfhaus ziemlich genau, womit Vertrauen besonders gut wachsen kann: Geduld und Verlässlichkeit: „In den fast 25 Jahren seines Bestehens hat das Schlupfhaus keinen einzigen Tag gehabt, wo es nicht offen gehabt hätte. Wir sind immer für die da, die uns brauchen.“

 

Diskutieren Sie mit - posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung!