Bitte warten - Ihr Zugang wird eingerichtet.

Julya RabinowichJulya Rabinowich: Der Löwe neben dem Lamm

Die Zeit ist keine Gerade, sondern ein pulsierender Ring, in dessen Rundungen alles zugleich war. Eine Reise durch die Archive der Erinnerung zwischen Russland, Österreich und New York.

© M. Krammer
 

Eine Tanne im Zentrum des gutbürgerlichen Salons. Zwischen den kleinen goldglänzenden Engeln hängen Füchse und Schneeflocken aus zartem Glas. Ein Löwe. Ein silbernes Lämmchen. Der Baum trägt eine reiche Ernte aus Wachskerzen. Es ist geheimnisvoll halbdunkel. Tanzende Lichtflecken auf Tannenzweigen und den Händen der Mutter, die mit einem Glöckchen neben der Tanne steht und auf die das Mädchen wartet, mit angehaltenem Atem, den Geruch des knusprig gerösteten Festtagsferkels und der Rotweinbratäpfel in der Nase. Sie erinnert sich nur an dieses tanzende Licht der Kerzen und den hellen Arm der Mutter, in Spitze und Samt gehüllt und an die Erwartung des Augenblicks, da der Glockenklöppel an die bauchige Wand stößt und dieses helle Geräusch verursacht, mit dem der Sturm auf die Geschenke eröffnet wird. Und an den Stern, der die Tannenspitze krönte, weit weg in großer Höhe über ihrem Kopf: die Tanne schien ihr riesig, so groß wie im tiefsten russischen Winterwald. Diesen Stern hatte sie das ganze Leben mit sich getragen. Zuerst in einem Karton, gut verborgen zwischen ihrer Wäsche. Später auf einem alten Foto, das mit der Zeit vergilbte und zerfiel wie das Seidenpapier, in dem der Stern Jahr um Jahr bis zu seinem Auftritt geruht hatte, bis er nur noch in seltenen Augenblicken herausgeholt und gestreichelt wurde, vorsichtig, zart wie ein Neugeborenes. Das Foto hatte ihre Urenkelin fürsorglich nachbearbeitet und eingescannt. Vergangenheit ist zerbrechlich. „Warum hast du ihn denn in deiner Wäsche versteckt,“ hatte die Urenkelin gefragt.

Klick.

Ein schwerer, breiter Arbeitstisch aus schwarzem Ebenholz mit filzbezogener Arbeitsplatte. Sie sitzt lächelnd dahinter. Sie ist jung. Der gutbürgerliche Salon ist nun das einzige Zimmer der Familie, die nur noch aus ihr und ihrer Mutter besteht. Ihre große Wohnung ist angefüllt mit vielen, fremden Menschen: eine sowjetische Kommunalka. Zwangswohngemeinschaft als Bollwerk wider die Bourgeoise. Sie unterwirft sich glaubwürdig. Sie darf bleiben. Die Mutter zieht sich in dieses Zimmer zurück wie in ein Sanktuarium. Ein paar Möbel gehören noch ihr. Der schöne Schrank mit Glasvitrine. Meissner Porzellan, mitgebracht von einer Geschäftsreise des Vaters. Und sein Schreibtisch. Der Salon ist nicht ausgelegt darauf, Arbeitszimmer, Schlafzimmer und Wohnzimmer für zwei Personen zu sein. Immer fällt etwas oder liegt im Weg herum. Ihre Mutter wird still, verkriecht sich täglich ein wenig mehr in ihr Innerstes, dorthin, wo ihr Mann auf sie wartet. Und die alte Welt.

Draußen wehen rote Fahnen. Die Zeit läuft nicht, sie galoppiert, manchmal hat sie Sorge, dass sie Halt verliert in diesem rasenden Ritt und unter die Hufe fällt, aber sie ist eine gute Reiterin. Sie sucht Halt in diesem neuen Leben, das wiederum nach dem neuen Menschen sucht und nur allzu schnell die alten Hierarchien findet. Die Winter sind noch immer genauso grausam und schön wie in ihrer Kindheit. Ihr Schatten auf dem glänzenden Schneefirnis, Straßenlaternen leuchten ins Finstere um drei Uhr nachmittags, die Schneedecke ist selbst mitten in der Großstadt fest und hart. Sie liebt diese winterliche Dunkelheit. Liebt die Kerzen am Fensterbrett, während der Schnee in einem unruhigen Tanz an ihr vorbeizieht. Sie hat viel zu schreiben. Sie macht das gerne. Die Tanne steht erneut da: geschmückt mit Glasfiguren, Lämmchen, Fuchs und Hase, ein goldener Löwe, rote fünfeckige Sterne. Die Engel und der Weihnachtsstern sind verbannt. Ein Astronaut ersetzt das Himmlische.

Es ist auch nicht der Weihnachtstag, an dem gefeiert wird. Das kommunistische Russland hat das Fest kurzerhand verschoben und es zum Neujahrsfest ernannt. Es ist ihr egal, sie will einfach nur feiern. Wenn alle Besucher ihr Zimmer verlassen haben und sie das Gegröle der betrunkenen Nachbarn um vier in der Früh hört, wie so oft, wird sie die Tür versperren und den Weihnachtsstern streicheln wie ein Haustier. Den Stern, der in ihrer Wäsche verborgen liegt. In der Wäsche verborgen: ihre Kindheit.

Klick.

Die Urenkelin hat ein kleines digitales Archiv für sie angelegt. Die Hochzeit. Das Neugeborene. Briefe des Mannes von der Front: im Krieg, der erneut alle Karten neu mischt. Die Zeit danach. Nun ist auch sie alleinerziehende Mutter. Ein Foto legt den Fokus auf ihr Gesicht. Am Strand des Finnischen Meerbusens trägt sie ein knappes buntes Kleid und wilde Locken und lacht. Die Tochter, noch keine zehn Jahre alt, spielt im Sand. Über ihnen Möwenschwärme. Die Tochter, ernst in ihrer Schuluniform einer Pionierin. Als Komsomolin beim Schulabschluss. Ein aufgebahrter Sarg. Ihre Mutter hat endlich den Weg zurückgefunden.

Ein letztes Foto des Salons: Freunde, versammelt zum Abschied um den schwarzen Schreibtisch. Ein festlich gedeckter Tisch mit Russischem Salat und duftendem Lachs. Geschliffene Champagnergläser. Sie lehnt ab, sie hat stundenlang in der Schlange vor dem Lebensmittelgeschäft gestanden, um diesen Lachs zu erwerben, sie ist erschöpft. Ihr Lächeln wirkt nicht so ausgeprägt wie die Sorgenfalten. Hinter ihnen: Lämmchen und Löwe glänzend zwischen silbernen Tannennadeln. Es ist erneut Winter, und sogar jetzt, knapp vor Verlassen des Landes, kann sie nicht auf ihren geschmückten Baum verzichten. Die Tochter will frei sein. Will jenseits des Eisernen Vorhanges. Sie selbst ist am Zweifeln. Die Zeit ist ein galoppierendes Pferd mit gnadenlos trampelnden Hufen und sie keine junge Reiterin mehr.

Klick.

Erneut: ein großer, ausladender Tannenbaum. Saftiges Blaugrün der Nadeln. Die Kerzen als dünne rote Striche im Halbdunkel der Äste. Der Schmuck ist so bunt gemischt wie ihr Leben: Füchse und Hasen. Löwe und Lamm. Ein Weihnachtsmann, gekauft am Wiener Christkindlmarkt. Glaskugeln, die das Konterfei von Rudolph dem Rentier tragen. Die hat der Enkel aus New York geschickt, zusammen mit einem Foto, das seine neue Freundin und ihn vor dem Rockefeller Center zeigt, hinter ihnen ein gewaltiger ausgeleuchteter Riese von einem weiteren Tannenbaum.

Ein Echo über den Atlantik. Sie sieht noch gut, aber die Laute verlassen sie, die Stimmen verschmelzen zum Flüstern. Die Urenkelin trägt die Haare rot wie einen Lippenstift und begeistert sich für den Kommunismus. Will kein Weihnachtsfest feiern. Will keinen aufgeschmückten Baum. Will mit der Urgroßmutter über Politik sprechen. Will Konfrontation und Debatte. Sie aber wünscht nicht über ihre Vergangenheit zu sprechen, will nichts aufwühlen im schlammigen Wasser des Unbewussten. Sie versteht die junge Frau nicht, so wie ihre Mutter sie nicht verstanden hatte, damals, als sie noch in St. Petersburg an dem schwarzen Schreibtisch saß, den Kopf so leicht mit dem neuen markanten Kurzhaarschnitt und den fliegenden Wünschen.

Klick.

Die Vergangenheit verschwindet. Der Bildschirm wird dunkel. Keine Fotos mehr für diesen Tag. Sie steht auf und klammert sich an den Rollator, der neben dem Tischchen steht. Die Zeit ist der Löwe, der die Jugend reißt. Das Lämmchen, das Mädchen, das sie gewesen war, dieses Mädchen, das mit Herzklopfen auf den Klang der Glocke gewartet hatte. Heute aber würde der Löwe neben dem Lamm ruhen. Und die Zeit war keine Gerade mehr, sondern ein pulsierender Ring, in dessen Rundung alles zugleich war und alles Platz hatte. Sie sah aus dem Fenster. Morgen würde sie einhundert Jahre alt werden. Über ihrem Haus zeigte sich der Abendstern.

Julya Rabinowich, geboren 1970 in Petersburg, ist Schriftstellerin, Kolumnistin, Dramatikerin, Malerin und Dolmtscherin. 2011 war Rabinowich nominiert für den Bachmannpreis. Werkeu.a.: „Die Erdfresserin“ (Deuticke, 2012), „Hinter Glas“ (Hanser, 2019).

Diskutieren Sie mit - posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung!
Kommentieren