Bitte warten - Ihr Zugang wird eingerichtet.

AdventessayLaura Freudenthaler: Die Welt krankt an einem Mangel an Dichtung

"Ich höre, Gedichte seien nicht mehr zeitgemäß. Das Innehalten findet in dieser Wirklichkeit keine Entsprechung. Das ist nicht das Problem der Dichtung, das ist das Problem der Unzeit." Ein Advent-Essay von Laura Freudenthaler zum Augustinus-Zitat: "Nimm und lies"

"Nimm und lies"
Zeichnung © Margit Krammer
 

Manchmal überkommt mich vor der Gegenwart ein überwältigend apokalyptisches Gefühl. Ich sehe im Fernsehen, was man Nachrichten nennt. Man benachrichtigt mich über Schrecken, Tod und Verderben. Für jeden Schrecken und für alle Toten, egal, wie viele es sind, gibt es ein Vokabular und auch jemanden, der sich auskennt und imstande ist, unter Verwendung des akkordierten Vokabulars darüber zu sprechen. Dieses Vokabular vernichtet die Wahrnehmung. Das Vokabular für die Ungeheuerlichkeit weiß jedes Empfinden der Ungeheuerlichkeit zu verhindern. Es wird gesagt: schrecklich, damit vor dieser Beurteilung kein Gefühl des Schreckens entsteht. Die Welt muss wohl so sein, wie man über sie spricht. Alles ist verhandelbar. Nichts schreit zum Himmel.

Kommentare (2)
Kommentieren
ASchwammerlin
1
0
Lesenswert?

Wunderschöne Worte

und eine Ode an das Gedicht. Ich liebe Gedichte, sie sind die Hochblüte der Literatur, weil in Gedichten die Eleganz der Sprache in ihrer schönsten Form zum Ausdruck kommt. Es ist Spiegelbild unserer Gesellschaft, dass kaum jemand mehr Gedichte lesen respektive kaufen will. Ich habe selber hunderte Gedichte geschrieben, aber es ist fast aussichtslos, einen Verlag dafür zu finden. Schon auf den Startseiten der Verlage kommt meist der Hinweis, "keine Gedichte!" Traurig aber leider wahr!

schrattenberg
1
1
Lesenswert?

Mut zur Stille

Wunderbarer Essay, der abseits von Religion zum Innehalten Mut macht. Wer es schafft, den Text ruhig und sorgfältig zu lesen, hat schon gewonnen. Vielleicht noch ein Gedicht von Wilhelm Szabo, ein Sonatensatz von Mozart, das Geräusch des ans Fenster klopfenden Regens oder der Saft einer Orange, der an den Fingern hinunterrinnt. Alles das kann Advent sein. Schön, dass man auch solche Texte in einer Tageszeitung findet.