Was das Burgenland istDie Geschichte einer begrenzten Entgrenzung

Während anderswo in den Roaring Twenties die Welt tanzte und feierte, wurde irgendwo in Mitteleuropa das Burgenland geboren. Einblicke in ein durchlässiges Land der Gegensätze.

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Das Burgenland, ein Land der durchlässigen Gegensätze
Das Burgenland, ein Land der durchlässigen Gegensätze © (c) imago/blickwinkel (imago stock&people)
 

Wann ich das erste Mal über das Burgenland geschrieben habe? Es ist schwer zu sagen. Das Burgenland ist Hintergrundkulisse in vielen Texten über meine Kindheit, ist unerkannte und dennoch erkennbare Landschaft in fiktionalen Geschichten, ist oft umgeackertes Feld für Auftragstexte aller Art. Am deutlichsten jedoch bin ich in meinem letzten Buch geworden: In Chikago geht es explizit um das Burgenland. Um das, was es war, um das, was es ist – und am meisten wohl um das, was es nicht ist. Als ich an dem Buch zu schreiben begann, lag das 100-jährige Landesjubiläum noch ein paar Jahre in der Zukunft. Gleichzeitig wirkte das Jahr 1921 – denn der Roman beginnt aus naheliegenden Gründen genau dann – ungewöhnlich vertraut, nicht so, als wäre es schon knapp ein Jahrhundert her: Man denke nur an die Roaring Twenties, an Flapper Girls, an amerikanische Pistolengangster in feinem Zwirn und an den großen Börsencrash 1929.

Foto © Picturedesk
Diese Periode schien seltsam modern, wirkte auf eigenartige Weise zeitlos. Ich erinnere mich, dass eine der großen Fragen, mit denen ich an das Schreiben des Buches ging, diejenige war, inwiefern dieses Bild überhaupt je einer Realität entsprochen hatte. Und wenn ja, wessen Realität es entsprochen hatte und wie es um diejenigen Menschen bestellt war, die in den Szenen großstädtischer Feiern, alkoholgeschwängerter Pokerrunden und ausufernder Schießereien keinen Platz gefunden hatten. Ein Charakteristikum dieses Jahrzehnts war – und das ist wohl, was uns daran unterschwellig so interessiert –, dass es das erste fast vollständig medialisierte Zeitalter unserer Geschichte darstellt: Es gibt nichts, was nicht auf Film, Tonträgern, Werbeplakaten oder Fotos dargestellt wurde, deren Ästhetik wir mit dem uns heute geläufigen visuellen Vokabular noch bestens entschlüsseln können. Die Ära wurde zu ihrer eigenen Legende: Gleichzeitig passierte irgendwo in Mitteleuropa, in einem verhältnismäßig unbedeutenden Landstrich bäuerlichen Zuschnittes, etwas ganz anderes.

Ein Land gebar sich unter schmerzhaften Wehen selbst. Die Gleichzeitigkeit, das seltsame Verhältnis, in dem Welt und Moderne zu dieser Region standen, die davon so unberührt wirkte, es aber beileibe nicht war – das sollte das Material werden für mein Buch. Und es zeigte sich: Diese Geschichte – die Geschichte des Burgenlandes – war mehr als ergiebig.

Das Burgenland liegt am Ende, ist aber im selben Atemzug der Beginn von etwas Neuem

Was es war.

Deutschwestungarn, drei vertikal aufgestapelte Komitate; Teil Ungarns, gleichzeitig Teil des österreichischen Kaiserreiches: Das war die Region, die bald den Namen Burgenland tragen sollte. Sie war nach jeder Richtung hin ein ausfransendes Ende – einmal das Ende Ungarns, nun das Ende eines neuen, kleinen Österreich. Der Region kam eine besondere Bedeutung zu: Sie war das einzige Gebiet, das Österreich nach dem Ersten Weltkrieg gewann. Umso dringlicher das Ringen darum, das neu geschaffene Bundesland zu halten. Nach Monaten teils erbitterter Kämpfe, einer versuchten, aber gescheiterten Landnahme, nach Neuverhandlungen und einer Volksabstimmung war es schließlich doch so weit: Das Burgenland wurde tatsächlich – wenn auch der intendierten Hauptstadt Sopron verlustig gegangen – Teil Österreichs. Eine neue Geschichte konnte beginnen. Aber welche genau?


Das, was es ist.

In Chikago finden sich zwei Schwestern zwischen den Fronten der Weltpolitik: Das Buch beginnt genau zu der Zeit, in der noch nicht klar ist, was werden würde. War man nun Ungarin oder Österreicherin? Wie stand es um die eigene Zukunft, wie um die der Region? Konnte man die eigene Identität, die ohnehin immer so schwer in Worte zu fassen ist, behalten? Mitte 1921, als die Fronten noch keineswegs geklärt waren, wandern sie aus – nach Amerika. Abertausende sollten es ihnen in den folgenden Jahren gleichtun. Das Burgenland ist eine Region, die bis heute von Migration geprägt ist: Im 20. Jahrhundert verließen viele Menschen in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft das Land, die meisten in Richtung USA und Kanada. Und auch heute migrieren wir, nur unser Radius hat sich verkleinert: Ein beträchtlicher Teil der Burgenländer/-innen pendelt täglich nach Wien oder hat den Wohnsitz gleich dorthin verlegt. Viel hat sich in den letzten 100 Jahren verändert: Die wirtschaftliche Not ist fast ganz verschwunden, die Autos und mit ihnen die zubetonierten Flächen sind gekommen. Mit Eisenstadt hat ein Ort die Hauptstadtwürde erlangt, von dem man nur mit größter Mühe nicht in der Verkleinerungsform sprechen kann.

Es gibt einen Nationalpark, es gibt raue Mengen von kleinwürfeligen Einfamilienhäusern, die unregelmäßig über die Landschaft versprenkelt sind. Mein Heimatdorf hat soeben einen eigenen Supermarkt samt Bankomat erhalten, was durchaus ein Novum darstellt. Ebenso ist vieles gleich geblieben: Nach wie vor ist das Burgenland ein durch und durch ländlicher Raum, nach wie vor liegt es an der Peripherie. Aber vielleicht sollte man gar nicht danach fragen, was das Burgenland genau ist. Mir scheint es erhellender, davon zu sprechen, was es auf unglaublich einnehmende Weise nicht ist.

Das, was es nicht ist.

Was mir am Burgenland immer besonders gut gefallen hat, ist seine Uneindeutigkeit. Das Land besteht aus Grenzen und straft gleichzeitig den Begriff der Grenze Lügen: Im Burgenland verfließen die Dinge, die Landschaften, die Mentalitäten. Ein wesentlicher Teil dieser Region sind die Minderheiten, die kroatisch-, die ungarisch-, die romanessprachigen Menschen. Ohne innezuhalten, wird im selben Satz von einer Sprache in die andere gewechselt. Es gibt Kulturzentren, die mehrsprachig funktionieren – die Sprachgrenze, die nur da ist, um fröhlich darüber hinwegzusteigen. Es gibt unglaublich aufgeschlossene Menschen, die sprichwörtlich im letzten Winkel des Landes leben und dort wundervolle Kultureinrichtungen betreiben. Das Burgenland liegt am Ende, ist aber im selben Atemzug der Beginn von etwas Neuem: Es ist eine Peripherie im Zentrum Europas. Das Burgenland changiert je nach Betrachtungsweise und –winkel, es ist kein abgeschlossener Ort, über den man ein abschließendes Fazit sprechen könnte: Für mich ist das Burgenland ein Zustand, von Grenzen und vermeintlichen Gegensätzen durchzogen und dennoch durchlässig. In diesem Sinne: Auf die nächsten 100 Jahre! Denn die Geschichte des Burgenlandes hat gerade erst begonnen.

Autorin Theodora Bauer
Autorin Theodora Bauer Foto © Paul Feuersaenger , Paul Feuersänger

Zur Autorin

Theodora Bauer, geboren 1990, hat Publizistik und Philosophie in Wien studiert. 2014 hat sie ihren
Debütroman „Das Fell der Tante Meri“, 2017 „Chikago“ (2017) im Picus-Verlag veröffentlicht. Sie moderiert die Literatursendung „LiteraTour“ auf Servus TV.

 

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