Zwischen all den Nachrichten über Kriegsoffensiven, Pensionskürzungen und Inflationsrekorde, Budgetlöcher und das 75-jährige Bühnenjubiläum von Kasperl und Pezi, bewies eine Meldung der letzten Tage, dass den Menschen dann doch wenig näher ist als das Wetter vor der eigenen Haustüre.
Ein ritualisierter Moment
Diese Prominenz des Überirdischen färbt auch auf sein Bodenpersonal ab – die Wettermoderatorinnen und -moderatoren. Im Schatten von Tiefdruckfront, Hochdruckwirbel, Fallwinden, Hitzewelle und Hagelschlag sind sie zu einem Bezugspunkt und Stabilitätsfaktor in zunehmend turbulenten Zeiten geworden. Das verwundert auf mehreren Ebenen, wiewohl es auch (sozio-)logische Erklärungen für diese extraordinäre Rolle in einer mediatisierten Welt gibt.
Zum einen ist es die regelmäßige Präsenz am Bildschirm. Meist eingebettet in Vorabendunterhaltungsformate oder eingezwängt zwischen Abendnachrichten und Sportmeldungen vermittelt ihr Auftreten Verlässlichkeit. Angesichts eines zeitlich eigentlich ungebundenen On demand-Angebots in den Mediatheken der Sender bleibt es ein zwar anachronistischer, aber immer noch ritualisierter Moment. Wettermoderatorinnen erscheinen zu festen Zeiten, mit bekannten Stimmen und Gesichtern. Diese Wiedererkennbarkeit baut eine einseitig emotionale und damit parasoziale Beziehung auf. Dem Seherpublikum wird das Gefühl vermittelt, die Person tatsächlich zu kennen, die einem da Temperaturwerte und Niederschlagswahrscheinlichkeiten näherbringt.
Aufhübschen vom „Wetterbericht“ zur „Wettershow“
Mehrfach hat die nun scheidende ORF-Wetterexpertin Christa Kummer beklagt, dass sich das Publikumsinteresse eher auf ihre Stöckelschuhe fokussiere als auf das Gesagte. Das Aufhübschen vom „Wetterbericht“ zur „Wettershow“ beschreibt diesen Wandel von nüchterner Information zu einem personalisierten Unterhaltungsformat. Aber dieses „Star-sein“ hat mitunter nicht nur Vorteile. Dann nämlich, wenn der Wettermoderator für das unpassende Wetter (mit)verantwortlich gemacht wird.
Der Blick in die Zukunft fasziniert
Zum anderen fasziniert der Blick in eine prognostizierte Zukunft. Was früher die Götter mit Blitz- und Donnerboten bestimmten und später Bauernregeln bewerkstelligten, soll heute der Meteorologe schaffen: eine Brücke zu bauen zwischen komplexen wissenschaftlichen Fakten und einer allgemein verständlichen Handlungsanleitung für den Alltag. Die „Wetterfrösche“ liefern prophetische Antworten, wenn man wissen will, ob der Tag Schirm, Sonnencreme, Sandalen oder Stiefel verlangt – auch, wenn es nur eine Probabilitätsgeschichte ist, die da erzählt wird. Es liegt am Wettermoderator, die dank aufwendiger Computerprognosemodelle mittlerweile minimalisierten Unsicherheiten und Unschärfen bei der Interpretation der Luftmassenverschiebungen nicht als Scheitern, sondern als Kompetenz erscheinen zu lassen. Authentizität schafft Autorität.
Zwischen persönlichem Alltag und globalen Angelegenheiten
Eine Wettermoderatorin ist damit mehr als eine Übermittlerin von Daten. Sie ist als Teil einer medialen Kulisse Vermittlerin und Interpretin. In einer Welt, in der das Modell der Nachrichtenübermittlung unter Druck steht – durch Fragmentierung, Fake News, Skepsis gegenüber Experten – nehmen Wettermoderatoren damit eine doppelte Rolle ein: Als Vertraute in kleinen Alltagsentscheidungen und als notwendige Schnittstelle zu den großen Themen unserer Zeit: Wer Wetter sagt, muss regelmäßig auch über Klimawandel, Umweltschäden und Naturkatastrophen reden. Sie beeinflussen damit individuelle Verhaltensentscheidungen (was ziehe ich an, wo fahre ich im Urlaub hin), prägen Wahrnehmungen (wie deute ich extreme Wetterereignisse) und das Naturerleben (wie gehe ich mit Wind, Hitze, Regen um). Die Wettermoderatorinnen repräsentieren damit vielleicht unmittelbarer als jeder ZIB2-Interviewer das Verbindende zwischen persönlichem Alltag und globalen Angelegenheiten.
Nostalgisches Phänomen unserer Zeit
Die Rechnung dabei ist simpel: Wer Ordnung bringt und Sorgen nimmt, gewinnt an Vertrauen, bekommt hohe Quoten – und damit gesellschaftliche Relevanz. Verschwindet dieser Kompass, ist die Aufregung entsprechend groß. Gegen diese Mischung aus Verlustängsten und Phantomschmerzen hilft auch eine Vielzahl von schnelleren, detaillierteren und treffsichereren Apps am Handy als längst weitverbreitete Alternativen für Wetterprognosen nur bedingt. So bleiben die Moderatoren ein fast nostalgisches Phänomen unserer Zeit: Sie bewegen sich durch eine Welt, die sich selbst immer schwerer zu erklären weiß.