Raststation Kaiserwald bei Graz, Freitag vor Pfingsten. Für Hannes Satz, 54, beginnt der Tag mit einem Becher verschüttetem Kaffee – und einem Satz, der hier längst zum Mantra geworden ist: „Jetzt geht’s los.“ Der langjährige Mitarbeiter weiß, was kommt: Pfingsten ist Ausnahmezustand. Während er einen Fetzen zum Aufwischen holt, strömt kurz vor 12 Uhr mittags eine Schar Jugendlicher aus einem Bus in die Tankstelle. „Rekord waren einmal 78 Busse in einer Stunde“, erzählt der gebürtige Kärntner und packt sogleich mit an.

Hannes Satz steht hinter der Theke in der Tankstelle
Hannes Satz steht hinter der Theke in der Tankstelle © KLZ/AER

Satz, rotes Polo-Shirt, Brille, ist seit mehr als 20 Jahren hier tätig. „Ich hab’ mit dem Chef zusammen studiert“, sagt er, „er BWL, ich Jus. Er hat fertig gemacht, ich nicht. Deswegen hat er das Sagen.“ Freigeist Hannes ist ein Veteran in Kaiserwald. Früher wechselte er bis zu 70 Glühbirnen am Tag. Mittlerweile haben sich die Aufgaben verlagert.

Unter den Jugendlichen sticht ein König hervor. Mattheo ist 15, trägt rote Crocs und eine Papier-Krone. „Ich habe mich selbst gekrönt“, sagt er und lacht. Während er Hof hält, sitzen seine Mitschüler auf dem Bordstein vor der Tankstelle, essen Eis und Haribo-Gummibären. Ein paar Buben umkreisen neugierig einen weißen BMW 850i und ziehen sich erschrocken zurück, als zwei voll tätowierte Männer mit grimmigem Blick in den Wagen steigen. Am Rückspiegel pendelt wie in Zeitlupe ein weißer Babyschuh, als der Wagen langsam aus der Tankstelle rollt.

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Mattheo, 15, aus Klosterneuburg
Mattheo, 15, aus Klosterneuburg © KLZ/AER

Der Geruch von Diesel, Motoröl und warmem Asphalt liegt in der Luft. Die Nase der erst fünf Monate alten Jagdhündin Luzie zuckt ganz aufgeregt. Sie kommt mit dem Beschnuppern der vielen neuen Eindrücke nicht nach. Frauchen Susanne befehligt ihre Familie: „Jetzt geht’s aufs Klo, dann fahren wir weiter.“ Sohn Lukas hat gestern in Ferlach maturiert, heute geht es zurück nach Niederösterreich. Er und Papa Hermann folgen brav. Drüben am Parkplatz kümmert sich eine Wienerin um ihr Lieblingstier. Im rosa Kleid hebt sie ihren Labrador aus dem Kofferraum des BYD. „Wir fahren an den Wörthersee“, sagt sie. Pupi zieht an der Leine Richtung Wiese. Keine Zeit für Smalltalk, das große Geschäft wartet.

Hera hat hingegen keine Eile. Die schwarze Hündin trinkt Wasser aus einem silbernen Napf, während Besitzerin Elisabeth Semler (28) auf den Ehemann wartet. Die Hecktüre offen, der Kofferraum penibel voll geschlichtet. So geht’s übers Wochenende nach Kärnten. Kurzurlaub.

„Wennst das in Schilling umrechnest....“

Im Restaurant der Raststation kariert überzogene Sitzbänke, Schirmlampen mit Blumen und ein kleiner Salatteller um 8,40 Euro. Eine Dreiergruppe begutachtet vor dem Ausgang die Rechnung. „Wennst das in Schilling umrechnest, haben wir gerade 100 Schilling für einen Kaffee bezahlt“, staunt der ältere Herr. Ein Ausflug nach Kärnten steht an, doch beim nächsten Mal, sagt er, „müssen wir wirklich von der Autobahn abfahren und ein Gasthaus suchen“. „Machen wir halt doch nie“, entgegnet die Frau. „Alle regen sich auf“, sagt Frieda, eine Biologiestudentin aus Wien, „aber jeder kauft trotzdem was“. Sie sitzt mit den Freunden Sam und Henry neben ihrem Auto, Wörthersee im Navi, Zigarette in der Hand.

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Nicht alle kaufen. Vera Fiala und Eva Plavcan, beide 70, stehen unter den ausladenden Ästen einer Linde. Piran, Portorož, Plitvice und Bled liegen hinter ihnen, die Heimat Bratislava vor ihnen. In Kaiserwald verspeisen die zwei Damen das Käsebrot aus Slowenien, ehe sie in einem grauen Ford-Kleinbus in Fahrtrichtung Wien verschwinden.

Vera Fiala und Eva Plavcan
Vera Fiala und Eva Plavcan © KLZ/AER

Hannes Satz hat inzwischen 2,5 Tonnen Waren bewegt. „Jetzt gibt es wieder genug Eis“, erklärt er bei einer Zigarettenpause am Raucherplatz. Es ist früher Nachmittag; und die Temperatur klettert mittlerweile auf 30 Grad. Chef Andreas Loidl gesellt sich dazu. „Wir arbeiten schon 25 Jahre zusammen und haben uns noch nie angeknurrt“, sagt Satz zu Loidl. „Naja, ich weiß nicht“, entgegnet dieser. Der 47-Jährige führt ein Team, mit – je nach Saison – 18 bis 25 Mitarbeitern. Die Tankstelle beim Kaiserwald hat 365 Tage im Jahr 24 Stunden geöffnet. „Spätestens jetzt, am Pfingstwochenende, startet die Reisesaison. Ein Ausnahmezustand“, sagt Loidl.

Die Eislieferung ist da
Die Eislieferung ist da © KLZ/AER

Ein Reisender ohne Zeitdruck ist Alan Kuzel. Der 77-jährige Mann mit schneeweißem Haar und dicker Brille steht vor seiner vollgepackten BMW-Reisemaschine. Seit fünf Wochen sitzt er schon im Sattel, hat London, Bilbao, Toulouse, Turin oder Mailand hinter sich, Wien und Prag auf dem Weg heim nach Frankfurt am Main noch vor sich. „Das ist meine Psychotherapie“, sagt er. Finale eines Motorradlebens? Keineswegs, Kuzel hat das Fahren erst vor zehn Jahren gelernt.

Ein Reisender ohne Zeitdruck: Alan Kuzel (77)
Ein Reisender ohne Zeitdruck: Alan Kuzel (77) © KLZ/AER

Eine schöne Lektion in Sachen Anstand gibt es von Lukas (32) und Konstantin (31). Vor einem abgestellten Mercedes SUV kritzeln die Wiener etwas auf einen Zettel. Lukas: „Den hat einer beim Ausparken gerammt und ist abgehauen“.

Lukas (32) und Konstantin (31)
Lukas (32) und Konstantin (31) © KLZ/AER

Sie klemmen den Zettel mit dem Kennzeichen unter den Scheibenwischer. „Würde ich mir auch wünschen“, sagt er. Das Paar startet heute seinen Roadtrip nach Italien. Padua, Rom, vielleicht Bari. „Dann schauen wir, was das Leben bringt“, erklärt Konstantin und lacht. Das hätte Hannes Satz nicht besser formulieren können. Schauen, was kommt – und möglichst gut reagieren. Ein neuer Bus fährt vor...