„Viele Familien hatten den Verlust eines Angehörigen zu beklagen.“ Als am 25. April 2015 und in den Wochen danach die Erde im Himalaya-Gebirge in Asien bebte, wurden 500.000 Häuser zerstört und über 10.000 Menschen starben.

„Ich bin noch am selben Tag nach Kathmandu geflogen und war fast alleine im Flugzeug“, erzählt Markus Raich, Ortsstellenleiter der Bergrettung Aussee. Alle Ausländer wollten aus Nepal weg, der steirische Himalaya-Kenner und Filmemacher wollte ins Land hinein. Der Alpinist war bisher über 50 Mal in Nepal, wo er als Bergretter seine Dienste auch einer Helikopterfirma zur Verfügung stellte. Was er in Nepal in jenen Tagen des April und beim Nachbeben im Mai sah, war erschütternd: „Am Anfang herrschte völliges Chaos. Ich war jeden Tag im Einsatz. Das war hart an der Belastungsgrenze. Die Menschen hatten nichts zu essen, verhungerten und verdursteten. Ich sah viele Tote.“ Internationale Rettungs- und Hilfsorganisationen halfen vor Ort, aber Raich wollte auch mit der Bergrettung ein Hilfsprojekt entwickeln. So entstand „Bergretter helfen im Himalaya“ der Ortsstelle Aussee.

Die schlimmste Naturkatastrophe Nepals

„Nach dem ersten Hilfseinsatz bin ich zu Hause fast ein halbes Jahr lang nicht mehr ins Wirtshaus gegangen. Ich habe es einfach nicht ausgehalten, wenn bei uns auf den Tellern Essen zurückblieb.“ Nepal ist ohnedies eines der ärmsten Länder Asiens, eine Naturkatastrophe dieses Ausmaßes kann der Himalaya-Staat alleine nicht mehr bewältigen. In der Geschichte des Landes war dieses Erdbeben das bisher schlimmste. Nach dem heftigen ersten Beben folgte am 12. Mai ein weiteres, dieses Mal traf es vor allem die Region um Namche Bazar, unweit des Mount Everest. Eine Lawine – ausgelöst durch das Beben – donnerte ins Basislager und kostete 18 Menschen das Leben. Einige hatten Glück, wie der blinde Osttiroler Bergsteiger Andy Holzer am Mount Everest. Als die Erde bebte, befand er sich in einer Höhe von 6200 Metern: „Es war grausig und hat gekracht. Dann gab es ein Gepolter, links kam eine Steinlawine, rechts eine Schnee- und Eislawine“, erzählte Holzer damals nach dem Beben.

Neben den menschlichen Tragödien, wurden auch viele historische Gebäude in den drei ehemaligen Königsstädten Kathmandu, Bhaktapur und Patan teilweise zerstört. Eine Magnitude von 7,8 der Momenten-Skala klingt abstrakt , doch eine Magnitude von 8 entspricht einem Äquivalent von 1200 Hiroshimabomben. Das Beben war so gewaltig, dass die nepalesische Hauptstadt Kathmandu um einen Meter angehoben und der Mount Everest um drei Zentimeter nach Südosten versetzt wurde.

Mehrere Schulen aufgebaut

Die erste Hilfsaktion der Ausseer unterstützte 4000 Menschen mit Nahrungsmitteln, Wasser, Zeltplanen und Schlafsäcken. Bereits in einem zweiten Schritt im Jahr eins nach dem Beben machte man sich daran, eine total zerstörte Schule in Satyadevi im Distrikt Dhading wieder aufzubauen. „Das ist das Heimatdorf von Shiba Hari Rijal, ein Nepalese der einige Jahre in Aussee lebte“, erklärt Raich. Die Bergretter aus Österreich wollten eine erdbebensichere Schule bauen: „In einem ersten Schritt organisierten wir einen Planzeichner und kauften vor Ort die Materialien für den Bau.“ Alles war sehr umständlich, anfangs führte nicht einmal eine Straße bis zur Schule. „Wir wollten, dass die vielen Kinder wieder in die Schule gehen können. Dass sie lernen und in ihrem Land in Zukunft Geld verdienen können.“ Raich kümmerte sich auch darum, dass eine Trekking-Route an Satyadevi vorbeiführte, damit die Menschen vor Ort auch von den Touristen profitieren können. „Sogar eine Lodge wurde bereits gebaut.“

Die Ausseer Bergretter kümmerten sich auch darum, dass die Ausbildung gut ist: „Wir wollten, dass Studierte dort unterrichten. Auch Themen wie Tourismus oder Landwirtschaft standen auf dem Schulplan.“ Raich, der jedes Jahr zweimal in Nepal ist, begleitete alle Schritte und war immer wieder vor Ort. Die erste Schule wurde am 19. März 2016 eröffnet. „80 Kinder wurden seither dort unterrichtet.“ Eine zweite Schule im Everest-Nationalpark in Monjo wurde im November 2017 eröffnet, als Ehrengast war Alpinistin Gerlinde Kaltenbrunner mit dabei. Das Projekt wurde gemeinsam mit dem Österreichischen Alpenverein und dem Lions Club ins Leben gerufen. „Die Kinder hatten so eine große Freude, dass sie in der ersten Nacht in der Schule übernachteten. 200 Kinder erhalten dadurch professionellen Unterricht.“ Gerade dieser Tage ist Raich mit dem Abenteurer Helmut Pichler und Bergretter Gerhard Pilz wieder in Nepal, um sich vor Ort darum zu kümmern, dass die Hilfe bei den Kindern ankommt.

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