Es geht um eine Windeltonne für Neugeborene, um Feldwegsanierungen, um Verleihungen von Verdienstzeichen, um Essensbeiträge für den Kindergarten. Um den Grenzübergang in die Slowakei ging es in den Gemeinderatssitzungen von Angern an der March in der Nähe von Gänserndorf zuletzt aber nicht. Nicht mehr.
Denn mehrmals seit dem Fall des Eisernen Vorhangs war eine Verkehrsverbindung zum Nachbarn über die March schon ein Politikum. Gleich nach der Ostöffnung stand die Errichtung eines Stegs für Radfahrer und Fußgänger über den Grenzfluss im Raum. 60 Prozent der Bevölkerung erteilten dem Projekt allerdings eine Absage.
2007 kippte die öffentliche Meinung im 3500-Einwohner-Ort ins Gegenteil. Rund 60 Prozent stimmten für den Bau einer Brücke. Bis 2010 hätte demnach dort, wo schon bis zum Zweiten Weltkrieg eine Brücke existiert hatte, eine zweispurige, acht Millionen teure, mit EU-Geldern kofinanzierte, hochwasserfeste und Fahrzeuge bis 7,5 Tonnen tragende Verbindung gebaut werden sollen.
Doch kein Brückenschlag
Als es an die Umsetzung ging, meldete die slowakische Seite jedoch Geldnot und erbat einen Aufschub bis 2014. In diesem Jahr ließ auf österreichischer Seite der Bürgermeister von Angern dann noch einmal abstimmen. Wieder drehte die öffentliche Meinung: Ein Brückenbau am Standort wurde von einer Mehrheit der 3500 Einwohner abgelehnt.
Zu dieser Zeit war schon längst eine Fähre auf der March unterwegs. Seit Jänner 2000 schippert eine fragile, floßähnliche Plattform täglich zwischen fünf und 22 Uhr rund 300 Fahrzeuge von Angern nach Záhorská Ves auf slowakischer Seite – außer bei Hochwasser (wie zuletzt vergangenen Herbst), bei Eistreiben im Winter oder einem zu niedrigen Wasserstand. Einen Euro pro Person kostet die Überfahrt, zwei Euro pro Pkw samt Lenker. Sechs Fahrzeuge haben auf der Fähre Platz. Eine fixe Einnahmequelle für Záhorská Ves, von wo aus die Fähre betrieben wird.
Mit routinierter Beiläufigkeit weist die zweiköpfige Besatzung den Autos bei jeder Beladung Stellplätze zu. Eines links, eines rechts. Damit nichts aus der Balance gerät, die hoch über den Fluss gespannte Seilversicherung nicht strapaziert wird und der kleine schwarze Außenbordmotor sich nicht überanstrengen muss. Zwei Minuten dauert das Übersetzen ins Nachbarland. Dank EU-Beitritt und Schengen-Abkommen ist dafür mittlerweile kein Reisepass mehr notwendig.
Das Leben ist schön
Das hat die ehemalige Grenzstation auf österreichischer Seite, die man erreicht, wenn man im Ort gegenüber der unbemannten Tankstelle auf eine kleine Seitenstraße abbiegt, nutzlos werden lassen. Heute wird der gesichtslose Zweckbau in der warmen Jahreszeit als Imbiss-Café genutzt. Dessen verheißungsvoller Name „Das Leben ist schön“ steht in scharfem Kontrast zur Architektur des ehemaligen Zollamts, das wie ein Ufo unter dem ausladenden Flugdach zu hängen scheint.
Bis 1989 war hier, am Ortsrand von Angern das Ende der Welt. Zumindest das der westlichen. Entlang der March verlief der streng bewachte Eiserne Vorhang. Dahinter: die Tschechoslowakei, der Ostblock. Heute erinnert daran nur noch die aufgestellte Erklärtafel zum „Iron Curtain Trail“, den in diesem Abschnitt gleich zwei transeuropäische Radwege nutzen: die EuroVelo-Routen 9 und 13 verbinden den Ostseeraum mit dem Süden Europas. Auch die regionale Kamp-Thaya-March-Radroute verläuft hier. Vom aufgestelzten Vereinshaus des örtlichen Fischereivereins in Sichtweite zur Fähre sind es 47 Kilometer bis Hainburg, ebensoweit bis Bratislava.
Halbfertige Annäherung
Trotz Fischen, Fahrradfahren und anderer Freizeitaktivitäten, dem nie ganz abreißenden Autoverkehr, dem pausenlosen An- und Abketten der Fähre durch die Bootsbesatzung und dem unablässigen Hin-und-Her-Pendeln der Stahlplattform hängt eine seltsam-träge Statik über dem Fluss und seiner Uferlandschaft. Der Ort hat als einer von fünf Grenzübergängen in die Slowakei zwar eine regionale Bedeutung als Verkehrsknotenpunkt.
Dennoch hat sich eine Skepsis gegenüber einer fixen Verbindung konserviert. „Ich denke, das ist auch ein wenig die österreichische Mentalität: Zuerst einmal ein bisschen Angst haben“, hat Angerns Langzeitbürgermeister Robert Meißl einst die Abneigung seiner Bürger gegenüber einem Brückenbau beschrieben. So steht das Festhalten an der Fähre auch für die noch immer halbfertige Annäherung der beiden Nachbarstaaten, dreieinhalb Jahrzehnte, nachdem der Eiserne Vorhang weggezogen wurde.