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Kulturhauptstadt 2020Einstige Industriestadt Rijeka möchte sich neu erfinden

Rijeka trägt als erste Stadt in Kroatien den Titel der europäischen Kulturhauptstadt und will 2020 ein Hafen der Vielfalt sein.

Rijeka möchte 2020 ein "Hafen der Vielfalt" sein © LAIF (Frank Heuer/laif)
 

Die Hafenstadt Rijeka schmückt sich im Jahr 2020 als erste Stadt in Kroatien mit dem Titel der europäischen Kulturhauptstadt. Die drittgrößte Stadt im Land möchte das Kulturhauptstadtjahr zum Anstoß bei ihrer Suche nach einer neuen Identität nützen: Die einstige Industriestadt möchte sich als eine Stadt der Kultur und Kreativität neu erfinden.

Eine Metallskulptur in der Innenstadt von Rijeka zählt den Countdown bis zum 1. Februar 2020, wenn die kroatische Hafenstadt ihr Programm als Kulturhauptstadt Europas startet. In weniger als 50 Tagen ist es so weit: Die Adriametropole verwandelt sich dann zum "Hafen der Vielfalt" mit mehr als 600 Veranstaltungen und 250 Projekten, die insgesamt vier Millionen Besucher anziehen sollen.

Die in der Kvarner-Bucht gelegene Stadt ist mit rund 129.000 Einwohner der Sitz der Gespanschaft Primorje-Gorski Kotar und somit das Wirtschafts-, Verwaltungs-, Bildungs- und Kulturzentrum der Region. Rijeka gilt als die liberalste Stadt im katholischen Kroatien. Dank des Hafens war die Stadt seit jeher offen, tolerant und multikulturell. Insgesamt 22 Volksgruppen machen rund 14 Prozent der Bevölkerung aus. Ihre frische Energie schöpft Rijeka auch von der Universität.

Trotz des Images einer Hafen- und Industriestadt ist die Kultur stets ein wichtiger Teil der Identität von Rijeka. Den Kern bilden ein Dutzend Kultureinrichtungen, darunter das berühmte Nationaltheater, das unter dem früheren Intendanten, Regisseur Oliver Frljic, immer wieder für Kontroversen sorgte. Die Kulturszene war in Rijeka schon immer dynamisch und progressiv. Aus der Stadt kam 1960 die erste Rockband in Ex-Jugoslawien, die "Uragani" (Hurrikane). Auch der Punk startete dort - die Gruppe Paraf (1976-1986) gehörte zu den Vorreitern des jugoslawischen Punkrocks.

Von der industriellen Stärke ist heute nicht viel geblieben. Seit der Wende in den 1990er-Jahren gingen in der Stadt Zehntausende Arbeitsplätze verloren. Geblieben sind leer stehende Fabrikgebäuden, wovon einige nun in neue Kulturobjekte umgewandelt werden. Neben dem Frachthafen, dem größten im Land, blieben nur wenige große Industrieunternehmen intakt, darunter die Erdölraffinerie. Die früher wichtige Schiffsbauindustrie steckt seit längerer Zeit in Schwierigkeiten, eine der beiden in der Stadt tätigen Werften konnte heuer nur mithilfe von staatlichen Kreditgarantien einen Bankrott vermeiden.

Das Programm

Das Programm der Kulturhauptstadt Rijeka beschäftigt sich vor allem mit drei Themen: Wasser, Arbeit und Migration.

"Lungomare Art" stellt zehn permanente zeitgenössische Installationen an verschiedenen Orten an der Küste und den Inseln auf. "Sweet and Salt" widmet sich der Wiederbelebung von verlassenen Industrie- und Hafenobjekten im Herzen der Stadt, wo der Fluss Rjecina ins Meer mündet.
Bei einer Vielzahl von Events werden als Höhepunkte etwa eine Ausstellung von selten präsentierten Werken des jungen Gustav Klimt unter dem Titel "Unbekannter Klimt: Liebe, Tod, Ekstase" oder ein Konzert der aus Robotern bestehenden Band Compressorhead hervorgehoben.
Mit dem bisher größten Kulturprojekt in Kroatien bekommt Rijeka auch eine neue Kulturinfrastruktur, wofür leer stehende Fabrikgebäude renoviert werden.
Das kontroverseste Projekt ist die Renovierung von Titos Luxusschiff "Galeb" (Möwe). Die inzwischen verrostete Seeresidenz des Präsidenten des früheren Jugoslawiens Josip Broz Tito soll ein schwimmendes Museum werden.

Nach dem Verfall der Industrie wurde der Dienstleistungssektor und Tourismus entwickelt, wobei Rijeka nicht die typische malerische Adriastadt ist. Ähnlich wie der Rest des Landes ist auch Rijeka von der Auswanderung betroffen. Vor allem junge ausgebildete Menschen wandern wegen fehlenden Jobmöglichkeiten aus. Rijeka hat deswegen in vergangenen sieben Jahren fast neun Prozent seiner Bevölkerung verloren. Bei der letzten Volkszählung 2011 lag die Bevölkerungszahl bei knapp 129.000, nach Einschätzung des kroatischen Statistikamts lebten Ende 2018 in Rijeka nur noch rund 117.000 Einwohner.

Ihren Aufschwung erlebte Rijeka unter der Herrschaft der Habsburger, die in der Stadt mit kurzen Unterbrechungen rund 450 Jahre bis zum Ende des Ersten Weltkrieges regierten. Die Hafenstadt, damals als Fiume bzw. St. Veit am Flaum bekannt, war neben Triest der wichtigste Hafen der Monarchie und zeitweise auch ernsthafter Rivale von Venedig. Neben der Seefahrt entwickelten sich andere Industriebranchen, darunter Zuckerraffinerie, Papierfabrik und sogar eine Torpedofabrik. In Rijeka wurde nämlich 1866 der erste schraubenbetriebene Torpedo entwickelt.

Multikulturelles Erbe

Im 19. Jahrhundert war Rijeka, das in der Doppelmonarchie zu Ungarn gehörte, der achtgrößte Hafen Europas. Der Erste Weltkrieg brachte einen Niedergang und turbulente Zeiten für die Stadt, die seitdem zu sieben verschiedenen Staaten gehörte, darunter unter italienischer Vorherrschaft (1924-1943). Im sozialistischen Jugoslawien erlebte Rijeka erneut einen wirtschaftlichen Aufschwung.

Das österreichisch-ungarische, italienische und jugoslawische Erbe ergibt den einzigartigen Charakter von Rijeka und prägt das Stadtbild, das eine Mischung von Prunkpalästen der Monarchie, italienischen Palazzi, sozialistischen Plattenbauten und Industriegebäuden ist. Ein wichtiger Bestandteil der Identität von Rijeka ist auch das Wasser - nicht nur das Meer, sondern auch der Fluss Rjecina, der durch die Stadt fließt und in die Adria mündet. Davon leitet sich der Name der Stadt ab, der auf Kroatisch (wie auch auf Italienisch und Slowenisch) Fluss bedeutet.

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