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Griechenland-Tipp

Chios, duftende Insel der Tränen

Fernab vom Tourismus betört die griechische Insel Chios mit einsamen Buchten, gepflegten Zitrusgärten und dem süßen Harz der Mastix-Bäume. Von Kerstin Oberlechner.

© Oberlechner
 

Wo zum Geier ist Chios? Diese Frage habe ich in letzter Zeit zigmal gehört. Zugegeben, ich habe es vorher auch nicht gewusst. Obwohl Chios die fünftgrößte Insel Griechenlands ist, versteckte sie sich bisher im Schatten ihrer Schwestern Rhodos, Kreta oder Lesbos. Deshalb ideal für all jene, die fernab vom Massentourismus das urige Griechenland mit all seinen Facetten erleben wollen: Malerische Dörfer, traditionelle Tavernen, abwechslungsreiche Wanderwege, duftende Zitrusfrüchte, wilde Kräuter und Orchideen, unberührte Strände und die herzliche Gastfreundschaft der Chioten. Mit dieser Vielseitigkeit erobert Chios still und leise die Herzen seiner Besucher.

Wer einmal dort war, den wird es wieder hinziehen. Schon alleine wegen dem betörenden Duft, der bereits bei der Ankunft am Flughafen in der Luft liegt. "Das ist der Duft der Zitronen- und Orangenblüten", erklärt Georgios Zachariadis, der aus Chios stammt und in Graz lebt. Er begleitet uns in die Region Kambos, die südlich der Hauptstadt Chios - oder Chora wie sie die Bewohner nennen - liegt. Dort hat man das Gefühl mitten in der Toskana zu sein. Ein prachtvolles Herrenhaus im toskanischen Stil reiht sich ans nächste, allesamt umgeben von meterhohen Steinmauern, die die Zitrusgärten vor Wind und Dieben schützen sollen. Diese Früchte haben die Insel einst berühmt und reich gemacht. Heute kann man in vielen dieser Landgüter übernachten, die die Genuesen im 14. Jahrhundert erbaut haben. Besonders eindrucksvoll ist das Anwesen Argentikon Luxury Suites, das zu den teuersten Hotels der Ägäis zählt. Gleich ums Eck zeigt uns voller Stolz Stefanus Palios seine acht Hektar große Zitrus-Plantage inklusive Hühner, Hunden und Katzen. Und typisch für die herzlichen Chioten gibt's gleich eine Kostprobe. "Nichts schmeckt so wunderbar, wie Mandarinen direkt vom Baum", sagt Stefanus. Und er hat Recht. Als Draufgabe serviert Oma Evangelia ihre Hausspezialität: in Zuckersirup eingelegte Orangen und Feigen.

Exportschlager Mastix

Gestärkt geht es mit dem Mietauto in den Süden zu den Mastixdörfern. Seit jeher werden dort aus einer Art Pistazienbaum die "Tränen von Chios" gewonnen: der Export-Schlager Mastix. Nur auf Chios sondern die immergrünen Mastix-Bäume durch Anritzen der Rinde das Harz in Tropfenform ab, das von Juli bis September in mühevoller Handarbeit geerntet wird. "Ein Baum wirft pro Saison 150 bis 200 Gramm ab. 70 Euro gibt es für ein Kilo", sagt Öko-Touristiker Vassilis Ballos, der einer von den 3000 Mastix-Bauern ist. Daraus werden Kaugummis, Kosmetikartikel, Süßigkeiten und Schnaps hergestellt. Weltweit wird es für die Herstellung von Lacken, Reifen und Klebstoffen verwendet. Und durch seine antiseptische Wirkung hilft Mastix bei Magen- und Zahnschmerzen.Wer mag, kann sich so wie in der Antike den "Mastix-Kaugummi" vom Baum in den Mund stecken. Aber Achtung, klebrig. Nicht verpassen sollte man einen Abstecher in die Dörfer Mesta, Olympi und Pyrgi. Letzteres fasziniert mit seinen schwarz-weißen Kratz-Fassaden.

In der Inselmitte kommen wir beim Kloster Nea Moni vorbei. Das Unesco-Welterbe ist der ganze Stolz der Chioten. "Im Vorjahr hat ein Feuer auf der Insel gewütet und viele Pinien-, Oliven- und Mastix-Bäume zerstört. Das Kloster konnte zum Glück gerettet werden", sagt Reiseleiterin Ester Winkel. In dem Kloster mit den restaurierten Mosaiken, in dem 1822 beim Türken-Massaker 4000 Chioten ermordert wurden, leben noch vereinzelt Nonnen. Mit Grauen erinnern Gebeine und Schädel in der Kapelle an die dunkle Zeit. Weiter westlich liegt das verlassene Bergdorf Anavatos, das übersetzt "das Unerreichbare" heißt. Zurecht. Die Serpentinen entlang der Ruinen bis zur Spitze in 450 Metern Höhe kann man nur zu Fuß meistern. Oben angekommen wird man mit einem sagenhaften Blick über die Westküste belohnt. Und falls nicht gerade ihre Lieblingssendung im Fernsehen läuft, könnte man am Weg nach unten auf Smaragda treffen. Die 72-Jährige ist die einzige Bewohnerin des "Geisterdorfes". Die Athenerin hat als Zwölfjährige ihr Herz an das Dorf verloren, seit 22 Jahren lebt sie hier: "Es macht mir nichts aus, die einzige hier zu sein. Ich habe ja vier Katzen, vier Hunde und zehn Hühner." Und einen Fernsehanschluss. Gemütlicher ist es im Nachbarbergdorf Avghonima. Hier kann man einen Gang zurückschalten, in Steinhäusern residieren und sich in den Tavernen verwöhnen lassen. Etwa mit Ziege in Zitronensaft und Wildsalat-Laibchen, die die Familie Delios täglich frisch in ihrer Taverne Pyrgos auftischt.

Begegnung mit dem letzten Sattler

Ruhig und romantisch ist es auch im dünn besiedelten und gebirgigen Norden. Zahlreiche Olivenbäume säumen die Gegend etwa rund um das Dorf Volissos. Mit ein wenig Glück kann man dort dem letzten Esel-Sattler auf Chios und einem der letzten in Griechenland begegnen. "Gerade mache ich einen Sattel für Kunden aus Amerika", verrät der 84-Jährige.

Wer lieber am Meer entspannen will, kann das auf einem der vielen naturbelassenen Kies- und vereinzelten Sandstränden rund um die Insel. In den meisten Fällen sucht man aber vergebens nach Liegestühlen und Tavernen direkt am Strand. Abschalten und genießen lautet eben das Motto auf Chios.

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