In den frühen Morgenstunden des 15. Jänner 1968 bebte im Belice-Tal der Boden. Ein schweres Erdbeben erschütterte die Region im Westen Siziliens, mehrere Orte wurden zerstört, mehr als 70.000 Menschen wurden über Nacht obdachlos, knapp 400 verloren ihr Leben. Ein Epizentrum des Erdbebens war Gibellina. Wo das Dorf einst stand und Einwohner die engen Gassen bevölkerten, erkennt man von weitem, denn der italienische Künstler Alberto Burri konservierte die Ruinen ab 1985 unter einer dicken Schicht Beton, die einen Stadtplan nachzeichnet. Erst 2015, 20 Jahre nach seinem Tod, wurde das Kunstwerk mit dem Namen „Cretto“ (Der Riss) fertiggestellt.
Nur ein Beispiel dafür, wie langsam sich der Landstrich südlich von Trapani von der Katastrophe erholte. Etwa zehn Kilometer Luftlinie vom Unglücksort entfernt sollte das neue Gibellina entstehen. Nicht als das urtümliche bäuerliche Dorf, das es einst gewesen war, sondern nach damaligen Prinzipien des modernen Städtebaus: große Plätze, breite autofreundliche Straßen, uniforme Reihenhäuser. Besonderes Augenmerk legte Bürgermeister Ludovico Corrao auf moderne, außergewöhnliche Architektur und Kunst im öffentlichen Raum, mit rund 60 Installationen gibt es dort die höchste Dichte in ganz Italien.
Gibellina 2026: Italiens Hauptstadt zeitgenössischer Kunst
Doch die Bewohner, die fremdelten stets mit der Utopie vom Reißbrett, die ihren gewachsenen Heimatort ersetzen sollte. Weniger als 4000 Menschen leben heute in Nuova Gibellina, Teile der Stadt stehen leer, Kunstwerke und Gebäude verfallen. 2026 aber soll das „Freilichtmuseum“ wieder mit mehr Leben gefüllt werden. Gibellina ist die „Italienische Hauptstadt zeitgenössischer Kunst“ und will seine vielen leerstehenden Bühnen mit Ausstellungen, Performances, Workshops und Artists in Residence bespielen. Das soll Besuchern, aber vor allem den Bürgern diesen ungewöhnlichen Ort näherbringen.
So ist etwa das wie eine begehbare Skulptur wirkende „Teatro“, wie das sternenförmige Straßentor entworfen von Bildhauer Pietro Consagra, Schauplatz von Ausstellungen; auch in der spektakulären Mutterkirche von Ludovico Quaroni, auf dem „System der Plätze“ der Architekten Franco Purini und Laura Thermes, in den geheimen Gartenräumen und dem Palazzo di Lorenzo von Francesco Venezia finden Veranstaltungen statt.
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Und natürlich beim Mahnmal „Cretto“ von Alberto Burri an jenem Ort, wo das ursprüngliche Gibellina einst stand, und die einst zerstörte Kirche Santa Caterina neu errichtet wurde. Oder im ehemaligen Landgut Baglio di Stefano, das als Kulturzentrum wiederaufgebaut wurde und eine der bedeutendsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst in Süditalien beherbergt.
An Kunstwerken kommt man bei einem ausgedehnten Stadtspaziergang de facto nicht vorbei: Eines der eindrucksvollsten ist der weiße „Salzberg“ des Künstlers Mimmo Paladino, dekoriert mit mystischen Tierfiguren. Oder der mehr als 20 Meter hohe Bürgerturm von Alessandro Mendini neben dem streng geometrisch konstruierten Rathaus oder dem eigenwilligen Haus des Apothekers. Ob Gibellina Heimat für seine Bewohner wird, bleibt offen. Aber herausragend ist es jedenfalls.