Oft schon auf Fotos gesehen, endlich selber dort – in der Halong-Bucht im Norden Vietnams. Fast 2000 hoch und weniger hoch aufragende Kalksteininselchen, dicht von Regenwald bedeckt. Blitzblauer Himmel und smaragdgrünes Meer. Auf den Fotos. An diesem Tag fahler Himmel und graues Meer. Trotzdem ist der Anblick der Inseln vom Wasser aus berückend schön, auch die Nebelschleier, aus denen die grünen Kuppen auftauchen und wieder verschwinden, vermitteln Magie.
Wir sind unterwegs auf der Cong Nghia 88, einem von fünf Schiffen, die Melinas Familie gehören. Melina ist unsere Bootsführerin, ihr Bruder sitzt am Steuer. Rund 550 Schiffe – kleinere und größere – sind unterwegs in diesen Gewässern. Die Halong-Bucht ist Weltkulturerbe und kann sich der Touristen kaum erwehren. Heute sind nur wenige an Bord und wenn gerade kein anderer Kahn in Sicht ist, gehört uns allein diese zauberhafte Welt.
Die Stunden auf See verfliegen vor den wechselnden Kulissen und dem hervorragenden Menü auf dem Schiff. Wir erkunden beeindruckende Tropfsteinhöhlen, wie die Hang-Dau-Go- oder die riesige Thien-Cung-Höhle, den „Himmlischen Palast“. Der Legende nach soll einst ein Drache die Landschaft mit seinem Schwanz zertrümmert haben und dann ins Meer abgetaucht sein, damit das Wasser die Täler fluten konnte.
Kommunisten und Perlenzüchter
Melina und ihre Familie sind stolz auf ihr Schiff, das erst vor zwei Jahren vom Stapel lief. Wie viele Vietnamesen sind sie brave Kommunisten, aber im Herzen längst höchst erfolgreiche Unternehmer. Der Staat duldet es nicht nur, sondern profitiert von dieser „sozialistischen Marktwirtschaft“: Schlüsselindustrien sind im Staatsbesitz, aber private Unternehmen nehmen eine immer größere Rolle ein. Vietnam gehört zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften Südostasiens.
Hier im Norden, nahe der Grenze zu China, leben noch viele von Fischfang und Perlenzucht. Junge Frauen entnehmen den Spenderaustern winzige Perlen und setzen sie in aufbereitete Empfängeraustern ein. Wieder ins Wasser eingebracht, braucht eine Perle bis zu vier Jahre, bis sie „reif“ ist. Und nur bei 40 Prozent funktioniert das Prozedere. Die schönen Exemplare werden zu Schmuck und Modeaccessoires verarbeitet (natürlich auch im angrenzenden Shop erhältlich), die weniger schönen zu Hautcreme oder Pulver für medizinische Zwecke.
Eine Hauptstadt der Gegensätze
Hanoi und die Halong-Bucht lassen uns eintauchen in ein Land, das seine schreckliche Vergangenheit des Kriegs (fast) hinter sich gelassen hat. Dass die Hälfte der Bevölkerung jünger als 33 Jahre alt ist, hilft, die Wunden heilen zu lassen. 100 Millionen Einwohner hat das Land, fast neun Millionen davon wohnen in Hanoi. Wo sich sechs Millionen Mopeds zur Stoßzeit ihren Weg bahnen.
Der Hoan-Kiem-See mit dem Ngoc-Son-Tempel, erreichbar über eine leuchtend rote Brücke, ist einer der bezauberndsten Orte der Stadt. Gerade diese Gegensätze ziehen an: In einem Moment stehen wir an der buddhistischen Pagode und werden Zeugen animistischer Rituale, im anderen beobachten wir die Wachablöse am mächtigen Ho-Chi-Minh-Mausoleum, im dritten retten wir uns durch die Zweirad-Lawine auf die andere Seite der Straße.
Das Baguette und die Kaffeehauskultur, die von Paris beeinflusste Architektur und nicht zuletzt die lateinische Schrift zeugen von den Verbindungen mit der einstigen Kolonialmacht Frankreich, als Vietnam noch Indochina hieß.
Garküchen und die Train Street
Am Abend dann in einer Garküche der erste „Pho“, die berühmte vietnamesische Nudelsuppe mit Rind- (Pho Bo) oder Hühnerfleisch (Pho Ga), die so hervorragend schmeckt, weil Markknochen und eine Reihe geheimnisvoller Gewürze darin bis zu zwölf Stunden lang geköchelt werden. Wie alle anderen sitzen wir auf winzigen Stühlchen am Trottoir. Bis die Suppe fertig gelöffelt ist, halten das unsere ungeübten Beine aus.
Letzte Station ist die Train Street: Die Hauptattraktion ist hier der Zug, der mitten durch die Straße fährt, keinen Meter von den Hauswänden entfernt. Dazwischen säumen Touristen den Weg, die es bei Bier oder Cocktail kaum erwarten können, Selfies von sich zu machen, wie sie die Wände der Waggons fast berühren.
Die alte Kaiserstadt und das Venedig Vietnams
Von Hanoi nach Saigon sind es 1800 Kilometer, es gibt nur eine Bahnlinie und eine Autobahn, an der noch gebaut wird. Auf halbem Weg ein Zwischenstopp in der Region um Hue und Hoi An, wo der linientreue, aber sehr sympathische Tam die Reiseleitung übernimmt. Er präsentiert stolz die prächtig ausgestatteten Kaisergräber von Khai Dinh und Tu Duc mit ihren im Frühling in prächtigem Weiß blühenden Frangipani-Bäumen (Weiß ist die Farbe der Trauer), nicht ohne immer wieder darauf hinzuweisen, dass „meine Leute“ diesen Prunk auf dem Rücken der armen Leute als höchst verwerflich erachten.
Ein Weltkulturerbe jagt das nächste – in Hue die kaiserliche Zitadelle, an der im 19. Jahrhundert 50.000 Menschen 27 Jahre lang bauten; jenseits des „Wolkenpasses“, der spektakuläre Aussichten bieten soll, aber seinem Namen alle Ehre macht, die antike Tempelstadt My Son, Relikt der von Indien beeinflussten Cham-Kultur; und schließlich die gut erhaltene Altstadt der alten Handelsstadt Hoi An mit ihren vielen Kanälen. Hoi An ist die Stadt der bunten Lampions – überall hängen sie, nachts zieren sie die zahlreichen Boote auf dem Thu Bon.
Hinaus ins Mekong-Delta
Saigon heißt seit 1976 Ho-Chi-Minh-Stadt, bewahrt aber die Zeugen der Vergangenheit wie das Opernhaus, die Kathedrale Notre Dame, das Saigon Central Post Office und vor allem das Kriegsreliktemuseum, in dem uns die Schrecken des 20 Jahre währenden Vietnam-Krieges eindrucksvoll vor Augen geführt werden.
Es zieht uns hinaus aus der Stadt, ins Mekong-Delta. Die Reisfelder leuchten grün, hier kann dreimal pro Jahr geerntet werden. 60 Prozent der Ernte gehen in den Export, den Bauern geht es gut. Sie waren die ersten, die dem nach der Wiederzusammenführung des Landes vom Norden verordneten Kommunismus durch passive Resistenz Paroli boten.
Die Bootsfahrt durch die Kokospalmenlandschaft ist ein wunderbarer Abschluss. Lautlos gleiten die überwiegend von Frauen gesteuerten Boote über das Wasser. Wir verlieren uns in der Natur. Der Geschmack von Wasseräpfeln, Pomelos, Ananas mit Shrimps-Salz, getrockneten Bananen und Süßkartoffeln bleibt und holt später die Bilder ins Gedächtnis zurück.