Wer in der Altstadt von Bari einen bestimmten Ort sucht, braucht Orientierungssinn – und Geduld. Die verwinkelten Gassen mit ihren glatt polierten Steinböden und verwitterten Fassaden sind malerisch, aber auch ein Labyrinth. „Keine exakte Wissenschaft“, sagt ein Kellner lachend, während er den Weg beschreibt. Hier gibt es keine inszenierte Tourismuskulisse, sondern ein echtes, fast dörfliches Leben.
Offene Türen, nur ein dünner Vorhang trennt das Wohnzimmer von der Gasse. Blumentöpfe auf den Fenstersimsen und Türschwellen, Heiligenbilder über den Eingängen, dazwischen Wäscheleinen, die vom Alltag der Bewohner erzählen. Mopeds knattern immer wieder lautstark durch die engen Gassen. Die vergleichsweise wenigen Lokale und Geschäfte sind meist mit Plastikstühlen und -tischen bestückt. Mal kommt einem laute Musik entgegen, mal eine ebenso laute Menschengruppe. Wer Reiseführer-Romantik oder Service-Mentalität erwartet, ist in dieser Großstadt mit ihren über 300.000 Einwohnern nicht ganz richtig.
Cappuccino und Banksy
Apulien, ganz im Süden, ist eine der ärmsten Regionen Italiens, wirtschaftlich weit entfernt vom wohlhabenden Norden. Die Landwirtschaft dominiert – Oliven, Weizen, Wein. Das Leben in den Städten hier ist nicht inszeniert, sondern durchaus rau und authentisch. Das typisch italienische Dolce Vita findet man in Bari erst am Übergang zwischen Altstadt und dem modernen Teil der Stadt, wo die Straßen breiter werden und der Verkehr dichter.
Die Piazza del Ferrarese ist das Tor zwischen diesen beiden Welten. Kleine Läden, Cafés und Restaurants mit apulischer Küche reihen sich um die offene Fläche. Vom morgendlichen Croissant mit Cappuccino in der Patisserie Martinucci bis zum abendlichen Glas Wein in der Voglia Pane e Vino könnte man hier den ganzen Tag verbringen.
Von der Piazza del Ferrarese kann es in viele Richtungen gehen. Ein Spaziergang über die Stadtmauer bringt einen bis zur alten Festung, in die andere Richtung sind es nur wenige Schritte zum Teatro Margherita. Das markante rote Gebäude am Wasser, teils auf Stelzen erbaut, war einst Theater und Kino, heute beherbergt es moderne Ausstellungen – von Banksy bis Van Gogh. Von hier aus hat man die Wahl: stadtauswärts der drei Kilometer langen Strandpromenade bis zum Stadtstrand Pane e Pomodoro folgen oder ins geschäftige Zentrum abbiegen.
Pizza und Aldo Moro
Spätestens auf dem Corso Vittorio Emanuele II fühlt sich Bari wie eine andere Stadt an. Die breite Allee trennt Alt- und Neustadt, eine „Hauptschlagader“ zwischen Vergangenheit und Moderne. Auf der einen Seite Palazzi mit Geschichte, auf der anderen moderne Hochhäuser, dazwischen haushohe Palmen, die an lateinamerikanische Metropolen erinnern. Bars und Restaurants ziehen Einheimische wie Touristen an. Vor der schicken L’Antica Pizzeria da Michele bildet sich abends eine lange Schlange – wer es schafft, vor 18 Uhr einen Tisch zu ergattern, versteht schnell, warum.
Vom Corso mit seinen markanten Palmen führt der Weg direkt auf die Via Sparano da Bari, die bekannteste Einkaufsstraße der Stadt, in der internationale Marken ebenso einen Platz gefunden haben, wie typische italienische Boutiquen. Geht man weiter, erreicht man die Aldo Moro Universität und schließlich den Bahnhof. Der große Platz dort sowie die prunkvolle Fontäne sind ebenfalls nach Aldo Moro benannt, dem aus Apulien stammenden Politiker der Democrazia Cristiana, der 1978 von Extremisten entführt und ermordet wurde.
Ohren auf!
Wer in Bari ist, kommt an einer Sache nicht vorbei: den apulischen Orecchiette. Die charakteristische Pasta, die in etwa die Form einer kleinen Muschel hat (zu Deutsch „Öhrchen“), wird hier gerne mit Oktopus oder Fleisch serviert. Besonders einzigartig ist die „Straße der Orecchiette“, die Strada Arco Basso. Hier formen ältere Frauen die Nudeln von Hand, direkt vor ihren offenen Haustüren in der Gasse.
Englisch können die wenigsten, man verständigt sich mit Handzeichen, Blicken, einem Nicken. Auch wenn immer wieder Berichte über industriell produzierte Orecchiette auftauchen, die als handgemacht verkauft werden, sollte ein Besuch bei den „Pasta-Omas von Bari“, die auch Kochkurse anbieten, auf keinen Fall fehlen. Denn schließlich ist auch das typisch süditalienisch.