Die Frage nach dem BoosterCovid-19: Ist eine Auffrischungsimpfung notwendig?

Was wissen wir über die Notwendigkeit einer Auffrischungsimpfung? Und wenn wir eine brauchen, wann sollte die dritte Dosis verabreicht werden? Ein Erklärungsversuch.

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Auffrischungsimpfung, Booster-Impfung, Covid, Corona, Österreich
„Die Daten verdichten sich, dass man grob ein Jahr, also zwischen neun und 12 Monaten gut vor einer Infektion geschützt ist“, sagt Pharmakologe Markus Zeitlinger © (c) imago images/Reichwein (Christoph Reichwein (crei) via www.imago-images.de)
 

Gerade das Aufkommen der Delta-Variante hat diese Diskussion wieder befeuert: Brauchen wir eine dritte Dosis der Covid-Schutzimpfung? Und wenn ja, wann? Eine definitive Antwort kann auf diese Fragen nach aktuellem Wissensstand nicht gegeben werden. Man kann aber versuchen, sich einer anzunähern. Was wir hier tun wollen.

Eine Frage der Definition

„Wenn wir von Auffrischungsimpfung sprechen, müssen wir definieren, welche Art wir meinen“, sagt Markus Zeitlinger, Vorstand der Universitätsklinik für klinische Pharmakologie der MedUni Wien.

  • Da wäre zum einen die „echte“ Auffrischungsimpfung, wie wir sie etwa von der FSME-Impfung kennen. In diesem Fall ist eine weitere Dosis notwendig, da die Anzahl der Antikörpertiter nach einem gewissen Zeitraum abgenommen hat und der Schutz nicht mehr ausreichend ist.
  • Dann gibt es die Variante einer zusätzlichen oder weiteren Dosis, um den eigentlich bestehenden generellen Schutz noch einmal zu erhöhen, obwohl die Zeit bis zur klassischen Auffrischungsimpfung noch nicht abgelaufen ist (frühe Boosterimpfung).
  • Und schließlich gibt es noch die Möglichkeit einen adaptierten Impfstoff zu verabreichen, etwa als Schutz vor weiteren bzw. neuen Varianten eines Krankheitserregers.

Die Datenlage

Es geht also um die Frage: Wie lange bleibt der Schutz vor Covid-19 aufrecht, wenn man vollimmunisiert ist, also zwei Dosen eines Impfstoffs erhalten hat? Dies gilt nicht für das Vakzin von Janssen, den dieses wird ja nur in einer Dosis verabreicht. „Die Daten verdichten sich, dass man grob ein Jahr, also zwischen neun und 12 Monaten gut vor einer Infektion geschützt ist“, sagt Zeitlinger. Das betrifft insbesondere die Virusvariante, für die der Impfstoff entwickelt wurde, und zum Teil auch für Mutationen. „Wir sehen aber auch, dass die Antikörper mit der Zeit abnehmen.“ Und er fügt hinzu: „Es braucht aber auf alle Fälle weitere belastbare Daten.“

Israels Gesundheitsministerium teilte Anfang Juli mit, dass die Wirksamkeit des Vakzins von Biontech/Pfizer bei der Vermeidung einer Infektion, vor allem in Bezug auf die Delta-Variante auf 64 Prozent gesunken sei. Die Impfung schütze aber weiterhin zu 93 Prozent vor eine schweren Erkrankung und Krankenhausaufenthalten. Biontech/Pfizer teilte in einer Presseaussendung mit, dass auf Basis dieser Daten „eine dritte Dosis innerhalb von sechs bis zwölf Monaten nach der vollständigen Impfung erforderlich sein wird“.

EMA und FDA fordern mehr Daten

Internationale Arzneimittel- bzw. Zulassungsbehörden, wie die FDA in den USA, oder die EMA in der EU bewerten die Lage etwas anders. Laut FDA benötigen Vollimmunisierte aktuell keine Auffrischung. Und nach Einschätzung der EU-Arzneimittelbehörde EMA ist es für eine mögliche Zulassung mangels Daten aus den laufenden Impfkampagnen noch zu früh. Weitere definitive Daten will Biontech/Pfizer zeitnah in einem wissenschaftlichen Fachmagazin veröffentlichen. "Wir sind uns einig, dass die wissenschaftlichen Daten die nächsten Schritte vorgeben werden", sagte eine Sprecherin.

Bei Menschen, mit einem schwachen Immunsystem sei eine dritte Teilimpfung, also im Sinne einer frühen Booster-Impfung, sinnvoll, so Zeitlinger. „Hier haben wir die besten Daten und wir sehen, dass Immunsuprimierte nach einer dritten Impfung eine höhere Anzahl an Antikörpertitern entwickeln.“

Die zelluläre Immunantwort

Fachleute können also noch keine abschließende Antwort geben und arbeiten an weiteren Studien, die nicht nur die Anzahl an Antikörper bewerten, sondern vor allem auch die zelluläre Immunantwort. „Denn diese ist bei den meisten der aktuell vorliegenden Daten außen vor“, sagt Zeitlinger.

Florian Krammer, Virologe und Impfstoffforscher an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York, sieht gar die Möglichkeit, dass eine grundsätzliche Auffrischungsimpfung länger nicht notwendig sein könnte. "Es gibt Daten zur Effizienz des Impfstoffes von Biontech/Pfizer bis zu sechs Monate nach einer Impfung, da sieht man eine sehr hohe Effizienz, die Antikörper stabilisieren sich. Man kann auch annehmen, dass die T-Zellen-Antwort weiter vorhanden ist", erklärt Krammer im Podcast „Corona Update“ der Kleinen Zeitung. "Die Immunantwort stabilisiert sich aber über die Zeit und es kann durchaus sein, dass eine Auffrischung über Jahre nicht notwendig ist."

Weltweite Grundimmunisierung vorantreiben

Wichtig zu betonen ist aber, dass weltweit noch zahlreiche Regionen keinen oder nur sehr eingeschränkt Zugang zu Covid-Schutzimpfungen haben. Solange in diesen ungeimpften Populationen Sars-CoV-2 mehr oder weniger ungehindert zirkulieren kann, bleibt die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich weitere, ungemütliche Varianten bilden. Aus diesem Grund sollte ein Hauptaugenmerk darauf gelenkt werden, die weltweite Grundimmunisierung voranzutreiben. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat gemahnt, dass reiche Ländern nicht Auffrischimpfungen für ihre bereits geimpfte Bevölkerung bestellten sollten, während ärmere Länder immer noch auf die Möglichkeit einer Impfung warteten.

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