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Plasma gegen Covid-19„Wir brauchen mehr Spender, als wir haben“

Covid-19 trifft das Herz-Kreislauf-System und Organe schwer. Die sogenannte Plasmatherapie könnte ein Ansatz sein, um bestimmten Patientengruppen zu helfen.

„Wir brauchen mehr Spender, als wir haben“
„Wir brauchen mehr Spender, als wir haben“ © pirke - stock.adobe.com
 

Die Idee ist ebenso elegant wie simpel: Hat ein Mensch eine Infektion überstanden, hat er spezifische Antikörper gegen den Erreger in seinem Blutplasma. Bekommt nun ein akut Erkrankter das Blutplasma dieses Genesenen, helfen die Antikörper, das Virus zu bekämpfen.

In der ersten ­Coronawelle gab es in Öster­reich bereits Heilerfolge mittels Blutplasma – „am LKH-Universitätsklinikum Graz konnten wir bis heute 20 Covid-19-Patienten behandeln“, sagt Peter Schlenke, Leiter der Uniklinik für Blutgruppenserologie und Trans­fusionsmedizin. Doch kann die Blutplasmatherapie eine echte Behandlungsoption bei Covid-19 werden?

Noch beschränkt sich die wissenschaftliche Beweis­lage laut Schlenke auf wenige kleine Studien, die keine klare Antwort geben. „Wir haben noch keine Datenlage, die es uns erlaubt, Blutplasma wie ein zuge­lassenes Medikament einzusetzen“, sagt Schlenke. „Was es dringend braucht, sind große, gut designte, klinische Studien.“

Hier können sich Spender melden

  • Univ.-Klinik für Blutgruppenserologie und Transfusionsmedizin (UBT): Montag bis Freitag zwischen 8 und 14.30 Uhr,
    Tel.: +43/(0)316/385-83566,
    Auenbruggerplatz 48, 8036 Graz
  • Rotes Kreuz: Informationen unter der Blutspende-Hotline 0800 190 190.

Sterblichkeit bei schweren Verläufen gesenkt

Aber: Ein „Hoffnungssignal“ gibt eine Untersuchung der amerikanischen Mayo Clinic, die in einer retrospektiven Studie zeigen konnte, dass die Blut­plasma-Therapie bei schweren Verläufen die Sterblichkeit senken konnte. In der Studie wurden Patienten eingeschlossen, die schwer erkrankt im Krankenhaus waren und bei denen eine Beatmung drohte.

Jenseits von klinischen Studien werden Patienten, die mit ­Rekonvaleszentenplasma behandelt werden, sehr gezielt ausgewählt: „Im Fokus stehen Erkrankte, die selbst keine Antikörper bilden können, weil sie eine angeborene oder erworbene Immunschwäche haben“, sagt Schlenke – erworben zum ­Beispiel durch eine Krebs­therapie. Das Ziel am Universitätsklinikum Graz ist es, für Herbst und Winter genug Rekonvaleszentenplasma zu haben, um 100 bis 200 Patienten behandeln zu ­können. „Deshalb gehen wir mit offenen Armen auf Spender zu“, sagt Schlenke. Denn nach der Vorauswahl ist nur jeder Fünfte bis Zehnte, der sich als potenzieller Spender meldet, auch ­geeignet. Die Spender sollten ­gesund, zwischen 18 und 60 Jahren alt sein und eine Covid-19-­Erkrankung durchgemacht haben.

"Wir brauchen mehr Spender"

Nazanin Sareban, Ärztin im Team der Uniklinik für Blutgruppenserologie und Transfusionsmedizin, sagt heute: „Das war schon eine ungeheure Kraftanstrengung.“ Das passierte im Frühjahr, das war die erste Plasma-Behandlung eines Covid-19-Patienten in Österreich, und das „war eine Leis­tung des ganzen Teams“. 

Drei Spender seien für die erste Behandlung mit Blutplasma zur Auswahl gestanden. „Wir haben die drei aus dem Bekanntenkreis von Kollegen   aufgetrieben.“ Dann kam der Anruf, dass es so weit sei, man benötigte für einen schwer erkrankten Patienten ein Rekonvaleszenten-Plasma, um ihn gegen Covid-19 zu behandeln. „Das war dann eine Abendaktion, obwohl wir schon alles vorbereitet hatten. Aber es hat auf Anhieb alles funktioniert.“ Freilich mit einem hohen Zeitaufwand. „Es war die erste Covid-19-Welle, die ganzen Fachrichtungen waren involviert.“ Jeder brachte einen Mosaikstein mit, denn so systemisiert die Produktionsvorgänge auch sein mögen, es blieb am Anfang eine Frage offen: „Wie viele Antikörper hat der Spender ausgebildet? Denn die Antwort auf diese Frage ist nicht vorhersagbar“, so Sareban. Die Aufbereitung nach der Spende umfasst mehrere Schritte und sie kann dann Patienten verabreicht werden. 

Im Sommer hätten sich Angebot und Nachfrage bei der Plasmaherstellung für Covid-19-Patienten gedeckt. Aber bei steigenden Infektionszahlen nehme der Bedarf massiv zu. „Der Bedarf an Spendern ist massiv gestiegen, wir brauchen mehr Spender, als wir haben“, sagt Sareban.

Eine Spende mittels Plasmapherese dauert etwa 45 Minuten – und auch danach geht es schnell: „Wir können an der Klinik innerhalb von 24 Stunden eine Plasmaspende aufbereiten“, sagt Schlenke. Das Plasma wird in Reinräumen verarbeitet, mögliche krankheitsverursachende Keime werden inaktiviert, das Plasma wird nachfolgend schockgefroren.

Die ersten Versuche, erkrankte Menschen mit dem Blut von Genesenen zu behandeln, datieren zurück in das vorvorige Jahrhundert: Emil von Behring behandelte 1891 zwei diphtheriekranke Kinder mit antikörperreichem Blut von Schafen und erhielt 1901 den ersten Nobelpreis für Medizin. Nun könnte diese Methode bei Covid-19 wieder an Stellenwert gewinnen – und Schlenke unterstreicht: „Bisher sehen wir, dass die Plasmatherapie sehr gut verträglich ist, keine schweren Nebenwirkungen verursacht“ – ein weiteres wichtiges Signal. 

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