Tiefkühlpizza, Fertiglasagne, knackige Chips, knallige Süßigkeiten: Solche hochverarbeiteten Lebensmittel dominieren zunehmend die Supermarkt-Regale – und rücken auch in den Fokus der Forschung. Denn: Diese Produkte, die in ihrer Textur und Zusammensetzung oft nichts mehr mit ursprünglichen Nahrungsmitteln zu tun haben und deren Liste an Inhaltsstoffen kaum zu entschlüsseln ist, tragen entscheidend dazu bei, dass weltweit Fettleibigkeit, Diabetes und psychische Erkrankungen ansteigen. Davor warnen nun internationale Experten, die eine umfassende Analyse zum Thema geschrieben haben. Was es jetzt brauche: Eine starke globale Reaktion ähnlich wie bei den Bemühungen gegen die Tabakindustrie, bilanziert das Team.

Die Verdrängung etablierter Ernährungsgewohnheiten durch hochverarbeitete Lebensmittel sei ein wesentlicher Treiber für die weltweit steigende Belastung durch ernährungsbedingte chronische Krankheiten, betonen die 43 Expertinnen und Experten. Sie haben für eine dreiteilige Analyse im Fachjournal „The Lancet“ betrachtet, wie die Industrie den Verkauf hochverarbeiteter Lebensmittel (englisch „ultra-processed food“, kurz UPF) ankurbelt und welche Auswirkungen solche Produkte auf unser Leben haben.

Zusatzstoffe, gehärtete Öle, Sirup enthalten

Bei hochverarbeiteten Lebensmitteln handelt es sich laut der sogenannten Nova-Klassifizierung um industriell hergestellte Produkte aus billigen Zutaten wie gehärteten Ölen und Glukose-/Fruktosesirup sowie Zusatzstoffen wie Aromen und Farbstoffen, die meist zahlreiche Verarbeitungsschritte durchlaufen. Oft sind sie verzehrfertig oder nur noch aufzuwärmen, typisch sind zudem attraktive Verpackungen. Zucker, Fett oder Salz (oder Kombinationen davon) sind gängige UPF-Bestandteile, typischerweise in höheren Konzentrationen als in verarbeiteten Lebensmitteln.

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Zunächst geht es für den Konsumenten darum, diese Produkte überhaupt zu erkennen, wie Stoffwechselexpertin Karin Amrein unterstreicht: „Je mehr Dinge auf der Zutatenliste stehen, die ich nicht aussprechen kann, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um ein ultraprozessiertes Lebensmittel handelt.“ Dass die Zutatenliste von Fertiggerichten oder Naschereien so lange ist, liegt an den Prozessen, die sie durchlaufen: „Die Industrie will diese Produkte möglichst lange haltbar machen, dafür muss der Wassergehalt gesenkt und Konservierungsstoffe zugesetzt werden“, erklärt Fritz Treiber, Ernährungsexperte an der Uni Graz.

Aber nicht nur das: Damit die Produkte, die in ihre Einzelteile zerlegt und neu zusammengebaut sowie mit Pflanzenölen oder Fasern versetzt werden, uns schmecken, braucht es viel an Zucker und Salz sowie künstliche Aromen und Geschmacksverstärker. Was dabei herauskommt, sind Produkte, die zwar reich an Energie, aber sehr arm an Nähr- und Mineralstoffen sind. „Wir beobachten dadurch eine echte Nährstoff-Aushöhlung in unserer Ernährung“, sagt Sandra Holasek, Ernährungsexpertin der MedUni Graz. „Diese Produkte liefern schnelle Energie, aber wenig Sättigung – wir wollen immer mehr davon essen, weil wir einfach nicht satt werden“, sagt Holasek. 

Lebensmittel sind „vorverdaut“

„Das Hauptproblem“, beschreibt Molekularbiologe Fritz Treiber, „ist, dass diese Lebensmittel so aufgebaut sind, dass sie im Körper viel schneller aufgenommen werden als natürliche Nahrungsmittel. Sie sind quasi vorverdaut.“ Während ein natürliches Lebensmittel die Verdauung und den Darm über lange Zeit beschäftigt und damit auch die Sättigung verlängert, verwandeln sich ultraprozessierte Lebensmittel im Körper sehr schnell in Energie – „unser Körper hat evolutionär gar nicht gelernt, mit solchen umstrukturierten Lebensmitteln umzugehen“, sagt Treiber. Die Folgen sind sichtbar: Übergewicht und all die damit verbundenen Folgeerkrankungen.

Wie sieht nun der richtige Umgang mit diesen Produkten aus? So wenig wie möglich davon konsumieren, ist die einhellige Empfehlung der Experten. „Es gibt eigentlich keinen Grund, hochverarbeitete Lebensmittel zu essen“, sagt Fritz Treiber. Auch in den Empfehlungen der Ernährungsgesellschaften heißt es: „Zucker, Salz und Fett stecken oft ‚unsichtbar‘ in verarbeiteten Lebensmitteln wie Wurst, Gebäck, Süßwaren, Fast Food und Fertigprodukten“, unterstreicht Holasek. Wird hiervon viel gegessen, steigt das Risiko für Übergewicht, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes. Diätologin Elisabeth Pail betont, dass man auch hochverarbeitete Lebensmittel aufwerten kann: Eine Fertigpizza kann man zusätzlich mit frischen Zucchini oder Champignons belegen, nach dem Backen kann man noch Rucola hinzufügen oder einen Salat dazu essen. Auch Fertigsuppen kann man mit Gemüse oder Hülsenfrüchten anreichern. „So nimmt man nicht nur die reinen Kalorien zu sich, sondern hat auch hochwertigere Nährstoffe zur Mahlzeit hinzugefügt“, sagt Pail.

Anteil wird immer größer

Der zunehmende Anteil ultraverarbeiteter Lebensmittel an der menschlichen Ernährung werde durch die wachsende wirtschaftliche und politische Macht der UPF-Industrie nahezu überall vorangetrieben, erklärte das Expertenteam. Mit einem jährlichen Umsatz von rund 1,9 Billionen US-Dollar im Jahr 2023 sei der Sektor bereits der profitabelste Teil der globalen Lebensmittelindustrie, Tendenz steigend.

Besonders in einkommensschwachen Ländern sei der Verkauf zuletzt stark gestiegen. In einkommensstarken Ländern wie den USA oder Großbritannien liege der Anteil hochverarbeiteter Lebensmittel an der täglichen Nahrungsaufnahme bereits bei bis zu 50 Prozent. „In Österreich und Deutschland liegt der Konsum von hochverarbeiteten Lebensmitteln in einem ähnlichen Bereich wie im europäischen Durchschnitt; dort macht der tägliche Verzehr im Mittel 27,2 Prozent der gesamten Energiezufuhr aus“, sagt Reynalda Córdova, Ernährungswissenschaftlerin an der Uni Wien.

Lobbying verhindert Maßnahmen zu gesunder Ernährung

„Der steigende Konsum hochverarbeiteter Lebensmittel verändert weltweit die Ernährungsgewohnheiten und verdrängt frische und minimal verarbeitete Lebensmittel und Mahlzeiten“, sagte Carlos Monteiro von der Universität São Paulo (Brasilien). Die Veränderung der Ernährungsgewohnheiten werde von mächtigen globalen Konzernen vorangetrieben, die durch hochverarbeitete Produkte enorme Gewinne erzielten, sagte Monteiro. Durch umfangreiches Marketing und politische Lobbyarbeit verhinderten sie wirksame Maßnahmen zur Förderung einer gesunden Ernährung. Für den Konsumenten sind die Produkte bequem: Eine Tiefkühlpizza ist in wenigen Minuten fertig - für die Selbstgemachte aus dem Ofen muss dagegen Teig angesetzt, Gemüse geschnippelt und Käse gerieben werden. Zudem sind Fertigprodukte wegen der billigen Zutaten und automatisierten Herstellungsprozesse oft sehr günstig, wie die Forschenden erklären.

Gesunde Ernährung nur schwer leistbar

Viele Menschen könnten sich eine gesunde Ernährung gar nicht mehr leisten, geben Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in einem Kommentar zu den „Lancet“-Beiträgen zu bedenken. „Lebensmittel, die Bestandteil einer gesunden Ernährung sind, wie Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte, werden für viele immer unerschwinglicher, während Lebensmittelprodukte, die heute als hochverarbeitete Lebensmittel (UPFs) bekannt sind, preiswert und weltweit weit verbreitet sind.“

Dutzende Studien zeigen den „Lancet“-Autoren zufolge, dass eine Ernährung mit hohem UPF-Anteil mit übermäßigem Essen, schlechter Nährstoffqualität (zu viel Zucker und ungesunde Fette, zu wenig Ballaststoffe und Proteine) und einer höheren Belastung durch schädliche Chemikalien und Zusatzstoffe einhergeht. Dadurch werde das Risiko für zahlreiche chronische Erkrankungen erhöht, darunter Fettleibigkeit, Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depressionen.

Kinder sind bedroht

Die weltweite Verbreitung hochverarbeiteter Lebensmittel sei zu einer der dringendsten, aber unzureichend behandelten Bedrohungen für die menschliche Gesundheit im 21. Jahrhundert geworden, warnt das Kinderhilfswerk Unicef in einem Kommentar zu den Fachbeiträgen. Kinder seien besonders anfällig für hochverarbeitete Lebensmittel und deren schädliche Wirkung. Zugleich seien Kindertagesstätten, Schulen und nahegelegene Einzelhandelsgeschäfte, Sport- und Freizeiteinrichtungen häufig mit UPF überschwemmt - auch durch Sponsoring-Vereinbarungen, die den Konsum von UPF normalisieren.

Maßnahmen gefordert

„Genauso wie wir vor Jahrzehnten gegen die Tabakindustrie vorgegangen sind, brauchen wir jetzt eine mutige, koordinierte globale Reaktion, um die überproportionale Macht der UPF-Konzerne einzudämmen und Lebensmittelsysteme aufzubauen, die die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen in den Vordergrund stellen“, sagte Karen Hofman von der University of the Witwatersrand (Südafrika).

Maßnahmen zur Reduzierung der Produktion, Vermarktung und des Konsums wie die Besteuerung ungesunder Waren, Werbeverbote sowie Qualitätsstandards für Schul- und Krankenhausküchen sind den Autoren zufolge nötig, die Bekämpfung hoher Fett-, Zucker- und Salzgehalte und eine Verbesserung des Zugangs zu gesunden Lebensmitteln. Letzteres könnte durch die Besteuerung ausgewählter UPFs erreicht werden, um Subventionen für frische Lebensmittel für einkommensschwache Haushalte zu finanzieren. „Die Lebensmittelsysteme haben sich so entwickelt, dass Produktion, Vermarktung und Konsum ultraverarbeiteter Lebensmittel Priorität haben“, heißt es bei „Lancet“. Diesen Trend umzukehren, werde ein langfristiger Prozess sein.