Zum vierten Mal binnen weniger Monate hat sich ein Mensch in den USA mit der Vogelgrippe infiziert. Die Betroffene hat in einem Milchviehbetrieb gearbeitet und in eben solchen breitet sich die aviäre Influenza (H5N1) seit Wochen aus. Die aktuelle Situation betrachtet etwa Christian Drosten, Virologe an der Berliner Charité, mit erhöhter Aufmerksamkeit. „So etwas hat es vorher noch nicht gegeben, solche extrem großen Ausbrüche bei Kühen – alle Fachleute sind besorgt“, sagte Drosten in einem Interview.

H5N1 ist schon lange bekannt. Ursprünglich dachte man, dieses Virus sei für Menschen völlig ungefährlich, erklärt der Virologe Florian Krammer, der in Wien und New York forscht – bis 1997 eine neue Variante 18 Fälle bei Menschen verursacht hat. Damals ist das Virus auf einem Geflügelmarkt auf Menschen übergesprungen. „Sieben davon sind gestorben, das war das erste Mal, dass man gesehen hat, dass dieses Virus gefährlich werden könnte.“ Dann war es einige Jahre ruhig, bis sich H5N1 von Vietnam aus stark in Zugvögeln verbreitet hat. So kam das Virus nach Europa. „Zwischen 2003 und 2015 gab es etwas mehr als 800 humane Fälle, die Hälfte davon ist verstorben.“ Wobei dies keine Mensch-zu-Mensch-Übertragungen waren, sondern immer Übertragungen von Tieren auf den Menschen. Meist waren Personen betroffen, die mit den Tieren engen Kontakt hatten, etwa auf Geflügelfarmen.

Verunreinigte Melkmaschinen

Es folgte eine weitere Ruhephase, die endete, als eine Subvariante (H5N1, Klade 2.3.4.4b) auftauchte. Diese schaffte 2021/22 den Sprung nach Nordamerika, richtete immensen Schaden in Wildvogelpopulationen an, ist auf zahlreiche Säugetiere übergesprungen und wurde mittlerweile auch in der Antarktis nachgewiesen. Nur Australien blieb bislang verschont. Und schließlich hat man H5N1 im März dieses Jahres in den USA in Milchkühen gefunden. Mit Stand 10. Juli waren 140 Herden in zwölf US-Bundesstaaten betroffen. „Die Annahme ist, dass es vor allem über verunreinigte Melkmaschinen übertragen wird“, sagt Krammer.

„Das Problem ist, dass sich das Virus in Milchkühen langsam auf Säugetiere adaptiert, das ist aktuell nicht unter Kontrolle“, sagt der Forscher. Ein Problem sieht er in der möglichen Kombination von H5N1 mit saisonal zirkulierenden Influenzaviren. Etwa wenn ein Milchfarmmitarbeiter schon mit einem herkömmlichen Grippevirus infiziert ist, sich durch den Kontakt mit Kühen auch mit H5N1 ansteckt und die beiden Varianten zu einer neuen verschmelzen. „Es ist keine Zero-Risk-Situation, die Gefahr, dass das Virus auf den Menschen überspringen könnte, ist da, allerdings schätze ich diese nicht als übertrieben hoch ein“, sagt Krammer. Nun gehe es darum, den Ausbruch unter Kontrolle zu bringen.

Eine völlig andere Landwirtschaft

Aktuelle Studiendaten zeigen, dass H5N1 in Milch durch Pasteurisierung unschädlich gemacht werden kann, auch von importiertem Rindfleisch geht nach derzeitigem Stand keine Gefahr aus. Zudem gibt Krammer zu bedenken, dass die Landwirtschaft in Europa und den USA völlig anders organisiert sind. Die Betriebe sind um ein Vielfaches größer, in US-Rinderfarmen werden zum Teil über 1000 Tiere gehalten. „Das darf man nicht mit einem steirischen Bauern vergleichen, der vielleicht zwanzig Tiere hat.“ Einheitliche, US-weite Regelungen in Bezug auf Tests und Überwachung gebe es in Nordamerika nicht. Hingegen gibt es in Europa, als Erbe der Rinderseuche BSE, eine durchgängige Nachverfolgbarkeit aller Rinder mit einer eindeutigen Kennzeichnung und entsprechende Datenbanken.

Erste Maßnahmen wurden in Europa bereits getroffen, mehrere EU-Staaten, darunter auch Österreich, haben sich 665.000 Dosen an Vogelgrippe-Impfstoffen gesichert. Diese sollen vor allem für Personen mit hohem Risiko bereitgestellt werden, etwa Mitarbeiter von Geflügel- oder Pelztierfarmen. Zur Erklärung: Jenes H5N1-Virus, das aktuell in Rinderfarmen in den USA Probleme bereitet, ist in Spanien und Finnland in Pelztierfarmen auf Nerze und Füchse übergesprungen. Als Vorsichtsmaßnahme wurde nun in Finnland begonnen, Mitarbeitende solcher Betriebe gegen die Vogelgrippe zu impfen. Eine gute Idee, findet Krammer, die er auch für die betroffenen Betriebe in den USA als sinnvoll erachten würde.

Mensch-zu-Mensch-Übertragung

Aktuell schätzt etwa das europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) das Risiko durch Vogelgrippe für die Bevölkerung als gering ein. Derzeit hat H5N1 noch nicht die Möglichkeit, sich von Mensch zu Mensch zu verbreiten. Kommt es zu diesem Entwicklungssprung und bilden sich humane Cluster, würde dies wohl schnell entdeckt werden, meint Krammer. Dennoch wäre es zu diesem Zeitpunkt bereits schwierig, den Ausbruch einzudämmen bzw. aufzuhalten. „Aber an diesem Punkt sind wir noch nicht“, sagt Krammer. „Wir sind einen oder zwei Schritte davor, aus diesem Grund wäre es jetzt wichtig, das in Milchkühen aufzuhalten.“

Florian Krammer lebt und forscht seit 2010 an der Ichan School of Medicine at Mount Sinai in New York. Mit März 2024 hat Krammer seine Professur für Infektionsmedizin angetreten und wird ab Mitte 2025 das Ludwig-Boltzmann-Institut für Wissenschaftsvermittlung und Pandemievorsorge an der MedUni Wien leiten
Florian Krammer lebt und forscht seit 2010 an der Ichan School of Medicine at Mount Sinai in New York. Mit März 2024 hat Krammer seine Professur für Infektionsmedizin angetreten und wird ab Mitte 2025 das Ludwig-Boltzmann-Institut für Wissenschaftsvermittlung und Pandemievorsorge an der MedUni Wien leiten © APA / Feel Image - Fotografie

Im Gegensatz zum Ausbruch von Sars-CoV-2 bestehe zudem in der Bevölkerung gegenüber H5N1 „eine Immunität in Bezug auf T-Zellen“, sagt Krammer. Die Situation sei wohl weniger brenzlig als beim Ausbruch der Coronavirus-Pandemie. „Wir wären vorbereitet, aber nicht ideal.“ Denn es gibt Influenza-Impfstoffe, die sich relativ rasch anpassen lassen. Es gibt auch antivirale Medikamente, mit denen man Erfahrung hat und die erprobt sind. Die Fragen werden im Fall des Falles sein: Wer greift auf diese Impfstoffe und Medikamente bei weltweitem Bedarf zu, wie werden diese fair verteilt? Oder anders gesagt: Eine Vorbereitung auf eine etwaige Vogelgrippe-Pandemie müsste die Umsetzung jener Lehren sein, die wir aus der Coronapandemie getroffen haben.