Älterwerden – ein Begriff, viele Zuschreibungen. Mit fortschreitendem Alter sehen sich Menschen mit Ressentiments konfrontiert, die sowohl positiv als auch negativ ausfallen können: Erfahrenheit und Güte auf der einen Seite, Einsamkeit und erhöhter Unterstützungsbedarf auf der anderen.

Das sind Vorurteile, doch verfehlen sie ihre Wirkung nicht, betont Altersforscherin Valeria Bordone von der Uni Wien. Wie man aufs Alter blickt, ist höchst individuell, aber nicht Privatsache. Denn Zuschreibungen beeinflussen das Denken – und wie sich eine Gesellschaft schlussendlich gegenüber älteren Menschen verhält.

"Altersdiskriminierung reduziert Lebensqualität"

Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Jeder zweite Erwachsene ist nach einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) voreingenommen gegenüber älteren Menschen. Das geht aus einer Analyse mit 83.000 Befragten in 57 Ländern hervor. Die Folgen: Menschen werden nicht nur aufgrund ihres Alters gegen ihren Wunsch in Pension geschickt. Ihnen werden medizinische Behandlungen vorenthalten oder man berücksichtigt sie in Studien nicht, obwohl sie später oft die Hauptnutzer der Medikamente sind. „Altersdiskriminierung reduziert die Lebensqualität von älteren Menschen, führt zu sozialer Isolation und Einsamkeit“, so der Bericht. Auch Armut und finanzielle Unsicherheit resultieren.

Ein negatives Bild vom Alter könne laut Valeria Bordone auch mit „selbst erfüllenden Prophezeiungen“ verbunden sein. Sprich: Manchmal beschränken sich ältere Menschen auch selbst mit Stereotypen, etwa damit, sich nicht zuzutrauen, Neues zu lernen.

"Eine Frau Mitte 80, die sich sexy fühlt – warum schockt uns das?"

Die Wiener Filmemacherin Valerie Blankenbyl bricht mit diesen Deutungsmustern. „The Bubble“, also die Blase, heißt ihr Dokumentarfilm, der in ausgewählten Kinos läuft. Das Thema: zu Besuch in „Floridas freundlichstem Aktivruhestand für die Generation 55 Plus“. 150.000 Menschen, 96 Freizeitzentren, vier Golfplätze und 70 Swimmingpools – es sei ein Ort, wo Alter nicht existiert, so eine Bewohnerin.

Beim Synchronschwimmen und Trommeln auf Gymnastik-Bällen kommen die Leute zusammen. Jeannie, die seit einer missglückten Operation mit einer einseitigen Gesichtslähmung lebt, übt Bauchtanz. Eine Szene, die im Kino zu Gelächter führt, wie Valerie Blankenbyl erzählt. Auch bei ihr hätte es gedauert, ihre Reaktion zu hinterfragen: „Eine Frau Mitte 80, die sich sexy fühlt und bauchfrei tanzt – warum schockt uns das?“

Hier kommt Stimmung auf! Trommeln auf Gymnastik-Bällen in Floridas größer Stadt für ältere Menschen - "The Villages"
Hier kommt Stimmung auf! Trommeln auf Gymnastik-Bällen in Floridas größer Stadt für ältere Menschen - "The Villages"
© Filmladen

Gerade das hohe Alter sei mit ungeschriebenen Regeln verknüpft. Kindisch statt reif, das fällt auf. Schuld sind auch unsere Sehgewohnheiten. „Ältere werden oft in ihrer Großelternfunktion abgebildet. Medien zeigen Oma und Opa beim Bekochen der Enkel, nicht beim Tanzen und Trinken.“

Transgenerationale Reibereien? Ja, bitte!

Verallgemeinerungen über Alte oder Junge seien in der Coronavirus-Pandemie besonders deutlich zutage getreten, so die WHO. „Ältere Menschen wurden oft als durchgehend gebrechlich und verletzlich gesehen“, heißt es. Jüngere seien dagegen pauschal als leichtsinnig und unverantwortlich dargestellt worden. Fehlende Kommunikation, fehlendes Verständnis für die Lebensrealität des jeweils anderen – wozu führt das? Regisseurin Valerie Blankenbyl hat in Florida den Extremfall erlebt. Menschen, die außerhalb der Wohngemeinschaft für Alte leben, klagen über die Zerstörung der Natur. Planierraupen kommen näher – die Enklave wächst.

Vor den Toren der Stadt sinkt der Grundwasserspiegel, der Boden rutscht ab. In der Siedlung weiß man darüber wenig – eine eigene Zeitung, die keine kritischen Berichte veröffentlicht, hält die Wohlfühlatmosphäre aufrecht. Nein, den Bewohnerinnen und Bewohnern die Schuld geben, das möchte Valerie Blankenbyl nicht. „Nur zeigen, wozu es führen kann, wenn der Austausch zwischen den Generationen verloren geht.

Berührungspunkte finden

Die gute Nachricht: Altersbilder sind nicht naturgegeben, sondern soziale Konstruktionen. „Und dadurch veränderbar“, sagt Blankenbyl. Was sie die Arbeit an ihrem Film gelehrt hat: „Weniger in Altersgruppen zu denken, sondern mehr in Bedürfnissen, die sich decken.“ Wer Berührungspunkte suchen will, wird sie finden – auch im Banalen wie einer Parkbank. „Als Mutter von kleinen Kindern ruhe ich mich darauf aus – und treffe alte Menschen, die es mir gleichtun.“

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