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InterviewDeshalb hat die Matura für Liessmann "dramatisch an Wert verloren"

Philosoph Konrad Paul Liessmann geht mit der Matura hart ins Gericht und sieht in den vielen Uni-Aufnahmeprüfungen die ursprüngliche Funktion einer Reifeprüfung konterkariert.

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© Markus Traussnig
 

Sie sind ein bekannter Kritiker unseres Bildungssystems. Wie steht es um den Wert der Matura?
KONRAD PAUL LIESSMANN: Wir haben hier zwei gegenläufige Tendenzen. Auf der einen Seite versuchen wir seit fünf Jahren mit einer zentralisierten Matura, das Leistungsniveau zumindest vergleichbar und objektivierbar zu machen. Also, den Wert und die Aussagekraft der Matura zu steigern.

Und auf der anderen Seite?
Da sehen wir, dass die ursprüngliche Funktion der Matura nicht mehr gegeben ist, nämlich eine allgemeine Universitätsreife zu dokumentieren und die Berechtigung zu verleihen, jedes Studium ergreifen zu können. Als ich maturiert habe, war klar, dass ich alles studieren kann außer künstlerische Fächer und Sport, wo es eine Aufnahmeprüfung gab. Heute haben wir eine Reihe von Studienrichtungen, wo es Aufnahmeprüfungen und Studienplatzbeschränkungen gibt. So gesehen hat die Matura dramatisch an Wert verloren.

Sind Maturanten reif für Studium und Leben?
Es ist nicht die Aufgabe der Schule, aufs Leben vorzubereiten. Ihre Aufgabe ist es, Wissen und Bildung zu vermitteln sowie Fähigkeiten, die erlauben, sich in den Feldern der Wissenschaft und Informationen bewegen und weiterentwickeln zu können. Dafür zu sorgen, dass Jugendliche in dieser dynamischen und sich rasch entwickelnden Wissensgesellschaft ihren Platz finden können. Darauf, würde ich sagen, bereitet die Schule unterschiedlich gut vor.

Können Sie das genauer ausführen?
Ich glaube, dass Fremdsprachenkenntnisse heute sicher besser sind als noch vor 20, 30, 40 Jahren. Ich höre auch, dass in Mathematik und den naturwissenschaftlichen Fächern das Niveau sehr hoch sein soll. Auf der anderen Seite klagen immer wieder Kollegen von technischen Universitäten, dass die mathematischen Kenntnisse, die Maturanten mitbringen, nicht ausreichen, um Einführungsveranstaltungen einer TU zu besuchen. Dann müssen Sonderkurse eingeführt werden, um dieses Wissen nachzuholen. Es ist also nicht immer die Kompetenz gegeben, um etwa ein anspruchsvolleres Studium sofort beginnen zu können.

Und die geisteswissenschaftlichen Fächer?
Die Deutschmatura ist nach wie vor eine Katastrophe. Nicht wegen der Ausrichtung der einzelnen Fragestellungen, sondern weil nichts anderes gezeigt wird, als dass junge Menschen imstande sind, einen durchschnittlich formulierten Text zu lesen und nach gängigen ideologischen Standards zu bearbeiten. Das ist nicht meine Vorstellung von Reife. Das ist eher eine Dokumentation von absoluter Unmündigkeit, die dann die Matura vermittelt, und das soll es wirklich nicht sein.

Eltern wollen nur das Beste für ihr Kind und sehen das oft in der Matura.
Das ist nicht die Schuld der Eltern, sondern einer Stimmung, die auch durch die Medien verbreitet worden ist. Wir haben zwar das duale Bildungssystem in Österreich und sind damit auch sehr erfolgreich, aber wir bekennen uns nicht dazu. Immer ist gefordert worden: Wir müssen die Maturanten- und Akademikerrate steigern. Auf der anderen Seite wissen wir, dass Berufe, die eine Lehre voraussetzen, momentan ökonomisch gesehen eine bessere Perspektive bieten als die Matura gefolgt von einem vielleicht brotlosen Studium.

Würden Sie von der Matura abraten?
Ich würde niemandem abraten. Ich bin ein Verfechter von Freiheit im Bildungswesen. Ich betrachte ja auch die restriktiven Maßnahmen an den Universitäten mit sehr zwiespältigen Gefühlen, aber auf der anderen Seite muss man sagen, dass diese Entwertung von Lehrberufen, von fachlichen Tätigkeiten nicht das Beste war.

Was wäre Ihre Alternative?
Ein normales Abschlusszeugnis der achten Klasse und dann eine Aufnahmeprüfung an der Universität. Das Ergebnis wäre genauso effizient wie das, was wir jetzt betreiben. Für die Schulen würde es bedeuten, dass sie nicht unter dem Druck stehen, sich nach den Normen der Zentralmatura zu orientieren und in der achten Klasse nur noch das zu unterrichten, von dem sie glauben, dass es zur Matura kommt.