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Interview mit Psychologen Burnout: "Es geht um die Aufgaben, die nicht bewältigbar sind"

In der Schweiz wird die Anerkennung von Burnout als Berufskrankheit diskutiert. Arbeitspsychologe Paul Jiménez erklärt, wo die Tücken bei der Diagnose liegen.

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Asian businessman with sticky notes all over wall and face
© Getty Images
 

In der Schweiz überlegt man, Burnout als Berufskrankheit anzuerkennen. Wäre das aus Ihrer Sicht sinnvoll?
Paul Jiménez: Da bin ich etwas skeptisch, ich kann nicht mit einem klaren Ja antworten.

Warum diese Skepsis?
Man muss vorsichtig sein. Das eine ist die Beurteilung und Einordnung. Burnout hat viele Ursachen und im Endstadium ist der Zustand schwer von einer Erschöpfungsdepression abzugrenzen. Es gibt psychologisch und medizinisch noch keine klare Kategorie für Burnout. Damit das Krankheitsbild aber ein ‚Etikett‘ hat, um die Menschen zu unterstützen, wird es oft als Depression diagnostiziert.

Die Arbeitgeberseite argumentiert, dass Burnout nicht nur aus beruflichen Aspekten, sondern auch als einer Folge privater Probleme auftritt.
Es sind eben immer viele Dinge, die gleichzeitig eine Rolle spielen. Und diese sind oft schwer auseinanderzuhalten. Es stimmt, private Dinge können eine Mit-Ursache sein. Andererseits finden wir in vielen Burnoutfällen klare Ursachen in der Arbeit, besonders das Gefühl der Ohnmacht und des Nicht-wahrgenommen-Werdens der Menschen. Letztlich kommen meist viele Aspekte zusammen, die zu einer starken emotionalen Erschöpfung führen können.

Die amerikanische Burnoutexpertin Christina Maslach betont, dass man das Problem nicht beim Einzelnen, sondern in den Firmen angehen muss. Wie sehen Sie das?
Das ist seit einigen Jahren bei uns im Gesetz verankert: die Arbeitsplatzevaluierung psychischer Belastung. Im ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG) steht, dass auf mögliche psychische Fehlbeanspruchung geachtet werden muss. Es geht hier um jene Aufgaben, die so überlastend sind, dass man langfristig nicht mehr damit zurechtkommt. Es geht nicht darum, Belastung zu minimieren, sondern ein Umfeld zu schaffen, in dem Mitarbeiter die Möglichkeit haben, mit den Dingen zurechtzukommen und damit Belastungen – die es immer gibt – als Herausforderung zu sehen.


Welche Rolle spielt Wertschätzung in diesem Kreislauf?
Maslach und Leiter sprechen von sechs Quellen, die in der Arbeit zu beachten sind: die Areas of Work Life. Davon ist Anerkennung ein wesentlicher Punkt. In der Masterarbeit eines Kollegen haben uns übrigens 83 Prozent der Führungskräfte rückgemeldet, dass sie selbst einschätzen, auf Anerkennung einen großen Einfluss zu haben. Auch in unserer Studie „Arbeitswelt 2018“ haben wir den Punkt der Wertschätzung als sehr wichtigen Einflussfaktor gefunden.

Die Leute wollen mehr Anerkennung. Chefs sagen, Anerkennung können sie geben. Problem gelöst! Warum wird es nicht umgesetzt?
Zum Beispiel: Ein Kunde hat einen dringenden Auftrag. Alles muss heute sehr schnell gehen und so kommt es dazu, dass Erfolge nicht mehr gefeiert werden. Öfters innehalten wäre gut, um sich zu fragen: Wie geht es uns?

Was können Unternehmen präventiv tun?
Nicht das „One size fits all“-Prinzip anwenden. Hinhören, hinschauen – in dieser Reihenfolge, weil allein schon das Hören oft zu kurz kommt. Wichtig ist die Kombination von Arbeitsplatzevaluierung psychischer Belastung und Betrieblicher Gesundheitsförderung (BGF). Wo lauern Gefahren? Und wo können sich Menschen entwickeln? Zum Glück sehen Arbeitgeber BGF nicht mehr als Wellnessaktion, sondern als Möglichkeit, dass Mitarbeiter präventiv Positives lernen. Und vor allem, dass sie über diesen Weg erkennen, wie man das Unternehmen lebendig halten kann. Dann wird daraus auch gleichzeitig eine Organisationsentwicklung, die das Unternehmen unterstützt.

Prävention

"Backprofi" Christian Ofner setzt auf Vorsorge:
„Ich habe mich vor neun Jahren als ,Backprofi‘ selbstständig gemacht, biete seither Brotbackkurse, betreibe einen Onlineshop für Backzutaten, einen Youtube-Kanal und habe Rezeptbücher geschrieben. In den ersten fünf Jahren war ich praktisch rund um die Uhr online und habe immer etwas für die Firma gemacht, ohne Zeit für mich selbst zu haben. Bis meine Frau gemeint hat, dass das – wenn es in diesem Tempo weitergeht – nicht gut gehen kann. Sie hat mich für eine einwöchige Burnout-Präventionsbehandlung in einer Klinik angemeldet. Dort ging es neben medizinischen Checks sehr intensiv um Selbstreflexion, um ein „Runterkommen“ ins Hier und Jetzt, um eine gesunde Lebensführung. Das hat mir die Augen geöffnet. Seither mache ich das einmal im Jahr. Im September darf ich wieder hin. Ich habe begonnen, intensiv Sport zu betreiben, zehn Kilo abgenommen und mich noch nie so fit gefühlt wie jetzt.“
Aufgezeichnet von Klaus Höfler