Elternsein bedeutet mehr, als ein Kind großzuziehen. Es heißt auch, sich als Paar neu zu finden, Verantwortung zu teilen und ein Familiensystem aufzubauen, in dem alle voneinander lernen. Eine aktuelle Studie am Institut für Early Life Care der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg zeigt: Gerade in den ersten Jahren prägen Eltern nicht nur ihre Kinder, sondern auch einander. „Das Familiensystem stellt die Lebensrealität des Kindes dar. Es wird direkt in ein System hineingeboren, in dem jeder aufeinander wirkt und nicht isoliert agiert“, erklärt Selina Ismair, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut und Studien-Mitautorin.
Die Studie
Untersucht wurden 40 Erstlingseltern. In einem Videolabor beobachteten die Forschenden, wie feinfühlig Mütter und Väter auf die Signale ihrer Babys reagieren. Parallel dazu erhoben sie in Interviews die sogenannte Mentalisierungsfähigkeit – also die Fähigkeit, eigene Gefühle und jene des Kindes wahrzunehmen und zu interpretieren.
Die Ergebnisse sind spannend: „Wir fanden einen Zusammenhang zwischen der Mentalisierungsfähigkeit der Mutter bereits während der Schwangerschaft und der Einfühlsamkeit des Vaters nach der Geburt“, sagt Ismair. „Seine Fähigkeit zu reflektieren, stand außerdem in direktem Zusammenhang mit seiner Feinfühligkeit.“ Diese Befunde deuten also darauf hin, dass sich Eltern in ihrer Fähigkeit, Gefühle und Gedanken zu verstehen, gegenseitig beeinflussen und voneinander lernen können. In dieser Studie zeigte sich dieser Effekt vor allem von Müttern auf Väter.
Für Familien bedeutet das: Erziehung ist kein Einzelsport. Das Verständnis zwischen den Partnern kann die Feinfühligkeit im Umgang mit dem Baby verbessern. „Elternschaft ist etwas, das man teilt. Niemand sollte die alleinige Verantwortung für die emotionale Entwicklung und Erziehung eines Kindes übernehmen müssen“, betont Ismair. „Es gibt fast immer mindestens eine zweite Person, die unterstützen und entlasten kann, sei es der andere Elternteil, Großeltern, Freunde oder auch institutionelle Hilfen. Wie ein altes Sprichwort sagt: Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf.“
Gerade weil sich die elterlichen Fähigkeiten gegenseitig beeinflussen, lohnt es sich, beide Eltern früh einzubeziehen – nicht nur aus Gleichberechtigungsgründen, sondern weil Kinder von präsenten Vätern ebenso profitieren wie Mütter von ihrer Entlastung. Das Bild von Vaterschaft befindet sich längst im Wandel. Weg vom reinen Versorger, hin zum aktiven Mitgestalter der kindlichen Entwicklung. Daher sollten Unterstützungsangebote für Familien beide Elternteile ansprechen – idealerweise bereits vor der Geburt. „Viele Präventionsprogramme richten sich derzeit noch hauptsächlich an Mütter, obwohl Studien darauf hinweisen, dass Interventionen wirksamer sind, wenn auch Väter aktiv teilnehmen“, erklärt Ismair.
Verantwortung teilen
Die Studie macht deutlich: Kinder profitieren, wenn Eltern als Team agieren und wenn sie nicht nur für das Kind da sind, sondern auch voneinander lernen. Für den Alltag bedeutet das: offen über Gefühle sprechen, das Verhalten des anderen bewusst wahrnehmen und sich gegenseitig als Vorbild sehen. Denn am Ende, so Ismair, „stärken Eltern, die die Verantwortung teilen, nicht nur die Beziehung zu ihrem Kind, sondern auch zueinander“.