Gut möglich, dass er sich ordentlich ärgern würde – jetzt kriegt der auch noch eine eigene Serie! Sherlock Holmes, der Meisterdetektiv, war seinem Schöpfer Arthur Conan Doyle irgendwann so ein Dorn im Auge, dass er ihn einfach hat sterben lassen. Rumms, den Reichenbachfall runter mit ihm. Wobei Doyle das Superhirn Sherlock wiederaufleben lassen musste, da sein Tod zu Abo-Massenkündigungen beim britischen „Strand Magazine“ führte. Also ging es noch viele Jahre und mit viel Schmerzensgeld für Doyle weiter. Vier Romane und zahlreiche Kurzgeschichten reichten aus, um unsterblich zu werden.

Jetzt ist Sherlock Holmes zurück und das jünger als je zuvor: Mit „Young Sherlock“ kehrt Regisseur Guy Ritchie ins Detektivgeschäft zurück, nachdem er 2009 und 2011 Robert Downey Junior als Sherlock Holmes und Jude Law als Dr. Watson auf rasante Verbrecherjagd geschickt hat. Ritchie führt in der Serie das fort, was sich wie ein roter Faden durch sein Regiewerk zieht. Hochgeschwindigkeit. Es pressiert, wie immer beim Briten. Schnelle Schnitte, Zeitraffer, ein Dialog-Ping-Pong und alle chic in der viktorianischen Wäsch bis in die Zehenspitze. Abstriche hat Ritchie nicht gemacht, neu erfunden hat er aber auch nichts: Hero Fiennes Tiffin schlüpft in die Rolle des jungen Sherlock, den sein Bruder nach Oxford schleift, um als universitäres Mädchen für alles nicht von einer Schlägerei in die nächste zu geraten.

Dieser Sherlock ist weit von dem entfernt, was Doyle seinem Detektiv als Grundausstattung mitgegeben hat: Brillanz im Denken und in der Logik, eine emotionale Distanz zu seinem Umfeld, eine In-sich-Gekehrtheit, die ihn nicht zwingend sympathisch macht – wie man am legendären Sherlock-Holmes-Darsteller Basil Rathbone gesehen hat. All das erzeugt eine gravitätische Wirkung, der man sich schwer entziehen kann. Verschärft wird das alles durch sein Gegenüber Dr. Watson, bei dem es auch mal menscheln darf. Guy Ritchie nimmt seinem Sherlock die Exzentrik und die Distanziertheit, die er bei Robert Downey Junior richtig gut austariert hat.

Regisseur Guy Ritchie am Set von „Young Sherlock“
Regisseur Guy Ritchie am Set von „Young Sherlock“ © Amazon Prime

Der junge Sherlock ist ein kluger Kopf, goschert, sympathisch und er zieht mit seinem späteren Erzfeind Moriarty um die Häuser. Nachdem ein Mord geschieht und Holmes ins Visier der Polizei gerät, muss der Logiker und Kombinierer ran. Das ist unbestritten nach Guy-Ritchie-Art unterhaltsam, aber vor allem trifft es auch den Zeitgeist auf den Streamingplattformen: Millie Bobbie Brown geht als Enola Holmes (Netflix) schon bald in ihr drittes Abenteuer, im Jänner ist ebenfalls auf Netflix „Agatha Christie‘s Seven Dials“ gestartet und der neue Film „Peaky Blinders: The Immortal Man“ ist ab 20. März auf Netflix abrufbar.

Robert Downey Jr. und Jude Law als Holmes und Watson im Jahr 2011
Robert Downey Jr. und Jude Law als Holmes und Watson im Jahr 2011 © Imago

Dieses räudige England scheint bei den Zuschauerinnen und Zuschauern gut anzukommen und das kann Guy Ritchie auch ziemlich gut liefern: Opulentes Setting, viel Liebe zum Detail bis hin zum Soundtrack, der britische Musikkultur in Versatzstücken von Punk bis zum irischen Folk-Song durchpeitscht. Eigentlich hätte man auch eine ganz andere, neue Figur erfinden können, aber an der Strahlkraft oder vielleicht auch an der sicheren Bank Sherlock Holmes kommt man auch 140 Jahre nach seinem ersten Erscheinen nicht vorbei.

Bewertung: ●●●○○

„Young Sherlock“ ist auf Amazon Prime abrufbar.

Legendär: Basil Rathbone als Sherlock Holmes, 1945
Legendär: Basil Rathbone als Sherlock Holmes, 1945 © Imago