Natürlich soll man sich davor hüten, die Kunst allzu bereitwillig prophetisch zu finden, es klingt zu sehr, als hätte man keine anderen Argumente für sie. Im Falle von Itay Tirans Zugriff auf Shakespeares „Richard III.“ ist die Versuchung allerdings übermächtig; die Premiere am Gesher Theater in Tel Aviv fand 2023 nur einen Monat vor dem Hamas-Massaker gegen Israel statt. Fast zwei Jahre später ist die Produktion in Wien zu sehen, als Gastspiel bei den Festwochen. Sie zeigt die Mechanismen einer mörderischen Entmenschlichung und setzt diese in eine Welt, die nur aus Schwarz und Weiß besteht (Bühne: Eran Atzmon, Kostüme: Judith Aharon). Diese Eindeutigkeit ist jedoch nur behauptet, schließlich wird in dem Stück in einem fort intrigiert, verraten, gemeuchelt; und man müsste schon sehr weltabgewandt leben, um darin nicht die Politik unserer Tage abgebildet zu sehen. Bloß braucht es keine Königreiche mehr, deretwegen mörderische Schurken ohne jede Moral die Macht an sich reißen, das geht auch in Demokratien.
Wiener Festwochen
„Richard III.“ und die geheuchelte Eindeutigkeit
Kritik.
„Richard III.“ bei den Festwochen: Wenn es sich nicht mehr lohnt mit dem Morden aufzuhören.
© Wiener Festwochen