Was tut man nicht alles für seine Familie? Das fragt sich David (Jesse Eisenberg) bald. „Ich liebe ihn, und ich hasse ihn, und ich möchte ihn töten, und ich möchte er sein“, sagt David über seinen mittlerweile fremd gewordenen Cousin Benji (Kieran Culkin). Der schleppt ihn mit auf eine Suche zu den Spuren ihrer Oma, die jüngst verstorben ist. Vor allem Benji stand der Großmutter und Holocaust-Überlebenden ziemlich nahe, ihr Tod hat ihn psychisch schwer getroffen. Ihm zuliebe ließ sich David breitschlagen. Die zwei einst ziemlich besten Buddys aus den USA haben also eine „Jewish Heritage Tour“ gebucht, um mehr über das jüdische Erbe und die Biografie ihrer Oma zu erfahren.
Besonderer Ton
In seiner zweiten Regiearbeit „A Real Pain“ gelingt Jesse Eisenberg, der auch das Drehbuch geschrieben hat, mit diesem kleinen Indie-Film ein großer Coup. Schön auch, dass der zweideutige Titel nicht zwanghaft ins Deutsche übersetzt wurde. Klug tariert er transgenerationale Traumata, Fragen von Schmerz, Verlust, Schuld in besonderem Ton aus. Er gibt seine Figuren selbst in peinlichen Momenten weder der Lächerlichkeit noch übertriebenem Pathos preis.
Die beiden Charaktere könnten gegensätzlicher nicht sein: Online-Anzeigen-Checker David ist neurotisch angelegt, chronisch überlastet und prinzipientreu. Der gewinnende Benji dagegen ist empathisch, einfühlsam und mitunter kontaktfreudig bis zur Übergriffigkeit. Kieran Culkin bildet – wie im Serien-Hit „Succession“ – das emotionale Kraftzentrum des Films. Er verkörpert die psychischen und physischen Schmerzen seines Charakters und legt die Widersprüchlichkeiten seiner Figur entwaffnend frei. Für die Performance erhielt er zuletzt einen Golden Globe, nun geht er als Favorit in der Kategorie bester männlicher Hauptdarsteller ins Oscar-Rennen. Völlig verdient.
Die Reisegruppe entpuppt sich als äußerst vielfältig: der britische Reiseführer James (Will Sharpe, bekannt aus „White Lotus“), erklärt, dass ihn die „jüdische Erfahrung“ fasziniere, auch wenn er selbst nicht jüdisch ist. Marcia (Jennifer Grey) will ihrer Mutter die Ehre erweisen und leidet unter ihrer Scheidung. Eloje hat den Völkermord in Ruanda er- und überlebt und findet im Judentum Trost. Fettnäpfchen pflastern auf der Erinnerungstour den Weg der Gruppe, in den ernsten Momenten wird aber geschwiegen und nur die Musik von Frédéric Chopin erklingt. Ein Kleinod von Film, der zutiefst ehrliche Blicke auf menschliche Erfahrungen gewährt.
Bewertung: ●●●●○