Glaubt man den Buchmacherinnen und Kritikern in Hollywood, scheinen die 96. Academy Awards bereits früh in der Saison gelaufen gewesen zu sein. Zahlreiche Statistiken und Prognosen weisen vor der Gala in der Nacht auf Montag Christopher Nolans bildgewaltiges, historisches und drei Stunden langes Epos über die Entwicklung der ersten Atombombe der Welt als glasklaren Favoriten aus. 13 Chancen auf eine Goldstatuette hat der Blockbuster über Physiker Robert Oppenheimer, bravourös verkörpert von Cillian Murphy.
Kino-Nerd Nolan setzte auf einen Mix aus IMAX 65 mm- und 65-mm-Analogfilm. Es ist der erste Film, für den auch Teile in IMAX-Schwarzweiß-Analogfilm aufgenommen wurden; wofür Kodak eigens das Filmmaterial entwickelte. Gegen „Barbie“ und in der gemeinsam ausgerollten Werbekampagne „Barbenheimer“ verlor „Oppenheimer“ zwar an den Kassen. 953,8 Millionen Dollar spielte das Epos ein, das 100 Millionen Dollar kostete. „Barbie“ erzielte 1,446 Milliarden Dollar. Komplexfreudig erzählt Nolan darin von Atomphysik, Antikommunismus und den Tests von Los Alamos.
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Kritik gab es zuhauf: Daran, dass die Physikerinnen, die an der Entwicklung der ersten Atombombe beteiligt waren, verschwiegen werden. Dass Frauen im Film zu Sexobjekten degradiert werden und man nichts über die Opfer von Atomwaffen erfahre.
Die Filmkritiken
Bester Film
Wer gewinnen sollte: Von wegen armes Ding! „Poor Things“. Wie Yorgos Lanthimos eine weibliche Emanzipationsgeschichte über Körper sowie Geist erzählt und bildgewaltig mit Emma Stone inszeniert, sucht in diesem Oscar-Jahrgang seinesgleichen.
Wer gewinnen wird: Glaubt man allen Prognosen und Statistiken, „Oppenheimer“.
Wer übersehen wurde: „Priscilla“ von Sofia Coppola.
Beste Regie
Wer gewinnen sollte: Justine Triet für ihr herausragendes Gerichtsdrama „Anatomie eines Falls“. Die Französin ist nicht nur die einzige nominierte Regisseurin, sondern niemand lässt das Publikum im Cannes-Siegerfilm von 2023 so glückselig mit ihrer ebenso nominierten Hauptdarstellerin Sandra Hüller im Ungewissen wie sie.
Wer gewinnen wird: Christopher Nolan („Oppenheimer“).
Wer übersehen wurde: Greta Gerwig für „Barbie“. Dass sie in der Liste fehlt, ist fatal.
Bester Dokumentarfilm
Wer gewinnen sollte: Die Doku „20 Days in Mariupol“ von Mstyslav Chernov, Michelle Mizner and Raney Aronson-Rath. Ähnliche Situation wie im Vorjahr mit „Nawalny“, das Thema des Films ist zu relevant, es nicht in dieser Kategorie auszuzeichnen.
Wer gewinnen wird: „20 Days in Mariupol“.
Wer übersehen wurde: Schonungslos ehrliche und nackte Tatsachen übers Frausein im Patriarchat: „Smoked Sauna Sisterhood“ von der estnischen Filmemacherin Anna Hints.
Bester internationaler Film
Wer gewinnen sollte: „The Zone of Interest“: Wie Jonathan Glazer die Familien-Banalität des Bösen mit Christian Friedel als Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß und Sandra Hüller als dessen Frau inszeniert, ist verstörende, körperliche Kinokost. Ein Film, der lang nachhallt.
Wer gewinnen wird: „The Zone of Interest“, wenngleich „Das Lehrerzimmer“ von İlker Çatak der beste und klügste deutsche Film seit Langem ist.
Wer übersehen wurde: „Fallende Blätter“ von Aki Kaurismäki. Kauzig, herrlich, wunderschön.
Beste Hauptdarstellerin
Wer gewinnen sollte: Lily Gladstone betört in „Killers of The Flower Moon“ an der Seite von Leonardo DiCaprio. Sie wäre die erste indigene Schauspielerin, die sich den Oscar in dieser Kategorie sichern würde.
Wer gewinnen wird: Emma Stone in „Poor Things“.
Wer übersehen wurde: Margot Robbie („Barbie“): Dass Ryan Gosling Chancen hat und sie nicht, ist falsch.
Bester Hauptdarsteller
Wer gewinnen sollte: Es kann in diesem Jahr nur einen geben: Cillian Murphy für „Oppenheimer“. Irre, wie der Ire die Abgründe, Zweifel und Zermürbung des „Vaters der Atombombe“ ausleuchtet.
Wer gewinnen wird: Cillian Murphy für „Oppenheimer“.
Wer übersehen wurde: Christian Friedel für „The Zone of Interest“.
Beste Nebendarstellerin
Wer gewinnen sollte: Da’vine Joy Randolphs bezauberndes Spiel in „The Holdovers“ überzeugte bei allen wichtigen Awards: Bafta, SAG, Critics Choice und Globes. Damit ist sie klare Favoritin, sie wäre die 19. schwarze Nebendarstellerin mit einem Oscar.
Wer gewinnen wird: Da’vine Joy Randolph für „The Holdovers“.
Wer übersehen wurde: Sandra Hüller für „The Zone of Interest“.
Bester Nebendarsteller
Wer gewinnen sollte: Er ist mehr als Barbies Beiwagerl: Wie Charaktermime Ryan Gosling – tatsächlich noch immer unvergoldet bei den Oscars – in „Barbie“ in pinken Leggins als Ober-Ken wie die Barbies unter dem Patriarchat leidet, ist Weltklasse.
Wer gewinnen wird: Robert Downey Jr. in „Oppenheimer“.
Wer übersehen wurde: Charles Melton in „May December“.