Stilsicher, subversiv und gerne auch mal provokant: Neben namhaften Kollegen wie Gaspar Noé oder Lars von Trier ist Nicolas Winding Refn einer der großen europäischen Vertreter des zeitgenössischen Extremkinos – ein waschechtes Enfant terrible eben. Nach einer Reihe von erfolgreichen amerikanischen Produktionen (u. a.: "Drive", "The Neon Demon") sowie dem für Amazon Prime produzierten Zehnteiler "Too Old to Die Young" scheint es so, als hätte Refn vorerst genug von den Strapazen Hollywoods. Für sein aktuelles Streaming-Projekt mit dem eleganten Titel "Copenhagen Cowboy" hat der gebürtige Däne nämlich erstmals seit 2005 wieder in der Heimat gedreht.

Vordergründig folgt das Netflix-Projekt in sechs jeweils knapp einstündigen Episoden einer rätselhaften Dame mit mysteriösen Kräften. Miu (mit gekonnt stoischer Mine: Angela Bundalovic) nennt sich die wortkarge Protagonistin, deren Fähigkeiten ihr als Eintrittskarte in die rüchige Unterwelt Kopenhagens dienen. Während die junge Frau innerhalb dieses gespenstischen Subkosmos wie ein lebloses Stück Ware hin- und hertransportiert wird, plant sie im Hintergrund einen Rachefeldzug. Die Puzzlestücke aus Gegenwart und Vergangenheit ergeben nach für nach ein schockierendes Gesamtbild.

Erwartbar sträubt sich Refn gegen gewohnte, serialisierte Erzählformen und lässt in einigen Momenten ausschließlich die Form für sich sprechen. Dabei bleibt er etablierten Stilelementen treu: lange verweilende Einstellungen, in Neonlichtern gebadeter Rot-Tein und ein abermals dezent aufgetragener Synth-Pop-Score von Cliff Martinez. Worum es überhaupt geht, das wird lange Zeit vage gehalten. Wer aber nötiges Sitzfleisch aufbringen kann, wird mit einem Mischmasch aus Neo-Noir-Thriller, Rachedrama und Martial-Arts-Hommage belohnt. Dem Schaffen Refns wird mancherorts der herablassende Stempel "Style over Substance" aufgedrückt. In diesem Falle spiegelt sich der Inhalt aber eben genau in der überästhetisierten Form wider. Und das führt zu einem rauschhaften Serienerlebnis.