Berufswunsch Politikerin oder Politiker äußert, der sollte zum Schnellsiedekurs auf die Couch – gut möglich, dass man nach dem Streamingmarathon dann psychologischen Beistand braucht. Die dänische Serie "Borgen – Gefährliche Seilschaften" gehört im schnelllebigen Streamingbusiness zwar längst zu den Veteranen im Serienuniversum. Dass die Konkurrenz im Serien-Politsegment nicht gerade überbordend ist, liegt auch daran, dass die Serie rund um politische Ränkespiele in Kopenhagen quasi zum Goldstandard gehört. Von 2010 bis 2013 produzierte der dänische öffentlich-rechtliche Fernsehsender DR die Serie, die nun in Kooperation mit Netflix eine vierte Staffel bekommt. Und noch immer steht sie im Zentrum des Geschehens: die Politikerin Birgitte Nyborg (Sidse Babett Knudsen). Die Serie zeichnet ihren Werdegang von der Parteichefin einer kleinen Mitte-Links-Partei nach, die überraschend zur Premierministerin gewählt wird. Und ab da wird es richtig spannend: die Ränkespiele vor und hinter den Kulissen, Spindoktoren, Fake News und Ideologien, die im Fall des Falles verbogen oder gleich über Bord geworfen werden.

Doch die Serie macht auch vor der Privatsphäre der Protagonisten nicht Halt und bleibt nah dran an den emotionalen Berg- und Talfahrten, die sich im täglichen Politgeschäft so durch diverse Biografien graben. Um nicht einen der wichtigsten Aspekte der Serie zu vergessen: Auch abseits der Premierministerin liegt der Fokus auf starken Frauenrollen, die sich im Politbusiness, das ja nach wie vor männlich dominiert ist, behaupten – nein, nicht müssen, sondern können. Und so stehen wir nun in Staffel vier und Birgitte Nyborg hat sich wieder zurückgekämpft in die lichten Höhen der Politik, die auch im vor allem grellen Licht dunkle Schatten werfen. Als Außenministerin, die gegen den Klimawandel kämpft und geschieden ist. Die Kinder flügge, aber die Sorgen bleiben, immerhin ist der Sohn Umweltaktivist, der schon mal einen Schweinetransporter entführt.

Der Arktisbeauftragte der dänischen Regierung ringt mit dem Handyempfang
Der Arktisbeauftragte der dänischen Regierung ringt mit dem Handyempfang
© (c) Mike Kollöffel (Mike Kollöffel)

Ach ja, und dann wird auch noch in Grönland Öl gefunden – ein Super-GAU. Politisch wie ökologisch und Nyborg kämpft gleich an mehreren Fronten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Auch das politische Tagesgeschäft hat sich massiv gewandelt und erhöht die Schlagzahl bei der Reaktionszeit: Während sich die jüngere Premierministerin auf Twitter inszeniert, muss sich Nyborg kurz fünf Minuten Auszeit nehmen, um die nächste Hitzewallung der Wechseljahre abflauen zu lassen. Das alles verdichtet sich schon in den ersten Minuten der Serie und zeigt, wie gut die Produktion das politische Tagesgeschäft mit seinen Abgründen und den Impact auf das ganz persönliche Leben der Protagonisten zu verflechten weiß. Bruch zu den ersten Staffeln gibt es keinen, auch weil Showrunner Adam Price wieder mit an Bord ist. In Summe ist die Serie ziemlich am Punkt: Ihre Hauptprotagonistinnen sind Frauen fern der 30, die Klimakrise drängt, aber wird am Altar der Weltpolitik mit einem Federstrich geopfert. Und die Intrigen? Die kennen weder Alter noch Geschlecht.

"Borgen – Macht und Ruhm" ist auf Netflix zu sehen.
Die vorherigen drei Staffeln sind ebenfalls auf Netflix abrufbar.