David Schalko im Interview„Es ist ein pawlowsches Egoprogramm entstanden“

David Schalko ist der Meister der ungewöhnlichen Serien, das beweist er einmal mehr mit „Ich und die Anderen“. Der Regisseur über soziale Medien und was uns das Ibiza-Video über die österreichische Politmentalität verrät.

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Regisseur David Schalko
Regisseur David Schalko © APA/HERBERT PFARRHOFER
 

So etwas wie diese Serie gab es im deutschsprachigen Fernsehen noch nicht!“, kündigte Sky-Fiction-Chef Marcus Ammon im Kleine-Zeitung-Interview im Frühling an. Und tatsächlich ist die Serie „Ich und die Anderen“, die am Donnerstag auf Sky anläuft, ein spannendes TV-Experiment: Die Hauptfigur Tristan (Tom Schilling) durchlebt in sechs Folgen täglich neue Ausgangspositionen, darunter: Wie sähe ein Tag aus, an dem alle alles von dir wissen? Wie, wenn alle in dich verliebt wären? Wie, wenn alle immer die Wahrheit sagen würden?

Wer die Handlung von „Ich und die Anderen“ nacherzählen will, steht vor einer Herausforderung. Was ist für Sie der Kern der Serie?
David Schalko: Der Kern ist eigentlich, dass jemand sein Verhältnis zu den anderen überprüft – in Form von Wünschen und Prämissen. Wobei der Charakter ein bisschen ein Mann ohne Eigenschaften ist, als würde er sich wie eine Simulation von Folge zu Folge zusammenbauen. Das hat aber schon viel mit der zweiten Staffel zu tun, die es aber vielleicht nie geben wird. Es ist eine Art von Simulation, von Simulationserzähltechnik, wo immer alles auf mehreren Ebenen gleichzeitig funktioniert.

Eine dieser Ebenen ist der Hyperindividualismus, den wir in der Gesellschaft sehen. Das sagt ja schon der Titel der Serie: „Ich und die Anderen“.
David Schalko: Erstens ist die Frage, ob es irgendwann anders war und die sozialen Medien nicht nur verstärken, was immer schon so war. Es hat sehr viel mit dem Individualismus zu tun, der vor allem im 20. Jahrhundert sich immer mehr herauskristallisiert hat. Der war im 17. oder 18. Jahrhundert vielleicht an aristokratischen Höfen verbreitet, aber woanders nicht. Es ist eher die Frage, was man für einen Bezug zu den anderen hat. Insofern ist es auch eine Serie über Empathie, weil Empathie-Forschung in der Serie auch eine große Rolle spielt.



Haben wir den Sinn für das Gemeinsame verlernt?
David Schalko: Es ist natürlich ein billiges Argument, aber durch die sozialen Medien beziehen wir uns viel mehr auf uns selbst. Zentral ist, dass wir alles sehr persönlich nehmen, es immer den Impuls gibt, gleich beleidigt zu sein, oder man will immer gleich belohnt werden. Das sind Reflexe, die es früher so sicher nicht gab. Da ist ein pawlowsches Egoproblem entstanden und so funktionieren unsere Egos dann auch wie Tamagotchis.

Wenn man die Prämisse der ersten Folge hernimmt, wo alle alles übereinander wissen: Auch Sie sind eine Person des öffentlichen Interesses – wir wissen also sehr viel über Sie. Macht Ihnen das Angst?
David Schalko: Ich weiß nicht, was man bei einer Person des öffentlichen Interesses wirklich weiß. Meistens kennt man Fragmente, die man sich zu einem Bild zurechtzimmert, das nie mit der Realität übereinstimmt. Insofern stört mich das gar nicht. Ich glaube auch gar nicht, dass es darum geht. Ich überlege gerade, ob die Scham darin liegt, dass alle alles über einen wissen oder ob es darum geht, was sie über einen wissen. Oder ob es überhaupt um die Situation geht, dass man beobachtet wird. Das hängt sehr stark mit dem Überwachungsstaat zusammen: Beim Überwachungsstaat geht es nicht nur darum, dass der Staat alles über einen weiß, sondern auch um eine Art von Scham, bei allem beobachtet zu werden. Das empfinde ich als einen interessanten Aspekt.

Wir leben in einer Zeit, in der Menschen viel von sich in sozialen Medien preisgeben. Vielen ist das Ausmaß dieser Informationen gar nicht so bewusst.
David Schalko: Es gibt eine unterschwellige Bewusstseinsbildung, dass wir über so viele Menschen so viel wissen. In meiner Jugend war es noch so, dass man sich Wissen zusammentragen musste, und es war anstrengend, sich dieses Wissen anzueignen. Heute ist das ein Knopfdruck. Wir wissen so viel über Menschen, auch durch Realityshows und wir haben Leuten schon überall zugeschaut. Aber das Individuelle und Spektakuläre verliert fast seine Wertigkeit, wenn man draufkommt, dass es ein überschaubares Kontingent an Erlebnissen und Geschichten gibt, die im Endeffekt deckungsgleich sind. Dadurch verliert das seinen Reiz. Deswegen haben offensichtlich auch so wenige Leute Angst vor einem Überwachungsstaat, weil es diese Scham nicht mehr so gibt.

Apropos viel von sich preisgeben: Sie planen einen Spielfilm zum „Ibiza-Video“. Überholt die Realität nicht die Fiktion und planen Sie im Hintergrund gar eine Serie über die Chatprotokolle?
David Schalko: Ich habe einen Teil der Chatprotokolle und eigentlich ist es völlig egal, von wem die sind. Man spürt einen Duktus durch, der ja eine Politmentalität zeigt. Und deswegen ist es auch egal, ob es um den Strache geht oder den Kurz oder den Schmid oder wie sie alle heißen. Das Ibiza-Video umfasst ja eigentlich 400, 500 Leute und nicht zwei Kasperl, die auf Ibiza sitzen und sich betrinken. Und die vielleicht nicht ganz das Format haben, um das zu machen, was sie dort besprochen haben. Aber genau das hat ja die ÖVP gemacht und der Herr Benko hat die Kronenzeitung gekauft etc.



Was erzählt uns das Ibiza-Video?
David Schalko: Man kriegt ein Gespür dafür, wie Politik heute funktioniert. Denn in der Vranitzky-Zeit etwa, da waren noch alle per Sie miteinander und haben ganz anders miteinander geredet. Da wäre so eine Art miteinander zu sprechen völlig undenkbar gewesen. Das ist jetzt der normale Sprech zwischen diesen Menschen. Das ist aber auch eine völlig entideologisierte Politik, wo es nur noch darum geht, sich zu bedienen. Genau das offenbart sich hier. Wir sollten uns mit dieser Form der Politmentalität auseinandersetzen, das ist wesentlich. Diese Mentalität ist übrigens gar nicht so weit weg vom Trumpismus: Wie Politik wahrgenommen wird, wie die eigene Rolle zu einem Format wird und man so die Position auch entwürdigt.

Jetzt noch ein kurzer, harter thematischer Schnitt zu Thomas Bernhard. Seit Mai sind Sie Präsident der Thomas-Bernard-Gesellschaft und haben eine vermittelnde Rolle seinen Nachlass betreffend. Sieht man in Ihnen den neuen Thomas Bernhard?
David Schalko: Das ist sehr österreichisch: Wenn einer wegfällt, dann muss immer nachbesetzt werden. Der Doktor der Nation oder der Thomas Bernhard der Nation oder die klassische Frage: Wer wird der nächste Bruno Kreisky? Es ist das österreichische Theaterstück, wo es jede Rolle fix einmal gibt und die immer nachbesetzt werden muss. Aber ich will nicht als Thomas Bernhard nachbesetzt werden. Aber vielleicht ist das mit der Thomas-Bernhard-Gesellschaft ganz gut, weil da wird man nicht als Thomas Bernhard nachbesetzt, da Thomas Bernhard nie Präsident seiner eigenen Gesellschaft geworden wäre.

Aber auch typisch österreichisch: Sie sind jetzt Präsident!
David Schalko: Ich habe auch schon gemerkt, wie oft ich jetzt als Präsident angesprochen werde – das ist etwas absurd. Die Gesellschaft hat ja nur knapp über 100 Mitglieder.

„Ich und die Anderen“ ist ab Donnerstag (29. Juli) auf Sky zu sehen.

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