Die Tanzschritte sind perfekt synchron, die Outfits schrill und bunt, ihre Persönlichkeiten individuell vermarktbar. Die Taffe, die Einfühlsame, die Mysteriöse. Das Girl-Trio Huntr/x ist gefundenes Fressen für das Milliardengeschäft, das hinter der K-Pop-Industrie lauert. Seit Wochen dominieren sie mit der Ermächtigungshymne „Golden“ die Charts – auch in Österreich. Was die Truppe von kontemporären Counterparts unterscheidet: Sie sind computeranimiert. Und nein, nicht im Sinne eines experimentellen Bandprojekts wie Damon Albarn und seine glorreichen Gorillaz. Mira, Rumi und Zoey – die Namen der Leadsängerinnen dieser ungewöhnlichen Sensationstruppe – sind eigentlich die fiktiven Protagonistinnen eines Netflix-Films.

Bei Tag bezirzen sie als Superstars ihre Fanbase mit eingängigen Pop-Melodien, bei Nacht schützen sie die Menschheit vor bösen Dämonen. Grob heruntergebrochen ist das die durchgeknallte Prämisse, mit der „K-Pop: Demon Hunters“ im Moment Streamingrekorde bricht. Laut aktuellem Stand ist es auf der Plattform der meistgesehene Film überhaupt. Die Wirkmacht der fiktionalen Heldinnen greift nicht umsonst bis in die Realität. Demnächst sollen Huntr/x, besser gesagt die drei Damen, die ihnen ihre Gesangs- und Rap-Stimmen leihen, in der „Tonight Show“ von Jimmy Fallon auftreten. Woher die viele Aufmerksamkeit?

Die Stimmen der Demon Hunters: Ji-young Yoo, Arden Cho und May Hong
Die Stimmen der Demon Hunters: Ji-young Yoo, Arden Cho und May Hong © Netflix
Putzig, aber obacht: Derpy ist kein Kätzchen, sondern ein Tiger
Putzig, aber obacht: Derpy ist kein Kätzchen, sondern ein Tiger © Netflix

K-Pop als Exportschlager

K-Pop als Modell zielt seit der ersten Stunde auf Gewinnmaximierung ab, das ist kein Geheimnis. In den Neunzigern versuchte man in Südkorea, vor dem Hintergrund der Finanzkrisen, den Hype der Boy- und Girl-Groups weiterzudenken. Im K-Pop würde alles noch viel überzeichneter, überdrehter, exaltierter sein als im westlichen Vergleichsphänomen. Und in der Berechenbarkeit noch eine Spur unpersönlicher. „Es ist nervtötend eingängig, aber ansteckend“, wird im Film in einem Moment die Kalkuliertheit der Musik umschrieben. Die Strategie hat sich bewährt, wenn auch außerhalb des asiatischen Raums erst Jahre später mit Erfolg.

Der südkoreanische Sänger Psy
Der südkoreanische Sänger Psy © Imago

Mit dem „Gangnam Style“, dem ersten Video, das auf YouTube eine Milliarde Klicks erzielte, schien die K-Pop-Welle zu Beginn der 2010er-Jahre dann auch im Rest der Welt unaufhaltbar. Bands wie BTS und Blackpink zählen heute zu den meistgehörten auf Spotify, Partys mit K-Pop-Thema haben selbst am Dancefloor des Mainstreams Einzug gefunden. Dass eine westliche Produktion den Trend ins Streamingzeitalter ausweitet, sollte bei genauer Überlegung also nicht abwegig klingen. In diesem Film kommt zusammen, was zusammengehört: hyperaktiver Comic-Stil, vollgefüllt mit Popkulturreferenzen und einem musikalischen Geschlechter- und Gut-gegen-Böse-Kampf, in dem sich am Ende niemand mehr verstecken muss. Und, keine Überraschung, am Ende bringt die Kraft des Pop-Perfektionismus die Menschen zusammen. Picksüß und scheinheilig, aber man ahnt, woher der Reiz kommt. Unterhaltung maßgeschneidert für die Zielgruppe TikTok. Auch das hat seine Daseinsberechtigung.