Mit festem Schritt geht er die Dorfstraße entlang, den Blick konzentriert nach unten gerichtet. Dabei geht rund um ihn herum gar Wunderliches vor sich. Gut möglich, dass der Spaziergänger es einfach nicht sehen will: Ein riesiger Fisch liegt in der Koppel neben einer weißen Kuh, die von ihm und dem Spektakel rundherum seltsam ungerührt bleibt, immerhin sitzen und balancieren zwei Männer auf den umliegenden Hausdächern herum. Den Hauptdarsteller würde man, so man den Titel des Bildes nicht kennt, wohl erst ganz am Schluss bemerken: „Der Papierdrachen“. Ein Konstrukt aus ein paar Linien, schwebt er zart flatternd gen Himmel. Auch wenn beim Inhalt auf den ersten Blick vieles in Schwebe scheint, am Urheber des Bildes besteht wohl kaum ein Zweifel: Marc Chagall (1887-1985). Unverkennbar sein eindringlicher Stil, ein Alleinstellungsmerkmal, an dem er trotz überbordender Einflüsse durch die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts festgehalten hat. Das macht ihn zum idealen Kandidaten für Blockbusterausstellungen und zum Grundinventar der globalen Museumsshopindustrie.