Wenn es um Vergewaltigung geht, haben die meisten schnell ein klares Bild vor Augen: Eine dunkle Gasse vielleicht oder ein Park, ein Mann, der eine Frau brutal überwältigt, vergewaltigt und dann flüchtet. Die Wirklichkeit zeichnet allerdings ein anderes Bild. Denn die meisten Vergewaltigungen finden im sozialen Umfeld statt und die Vergewaltiger sind keine Fremden, sondern vertraute Personen, oft ist es der eigene Ehemann. Zeugen gibt es meist keine, bei Anzeigen steht Aussage gegen Aussage.
So auch im Gerichtsdrama „Sie sagt. Er sagt“ von Ferdinand von Schirach, das derzeit in der nbv gespielt wird und bei dem auch wieder das Urteilsvermögen des Publikums auf die Probe gestellt wird. Kurz zum Setting: Die erfolgreiche Fernsehmoderatorin Katharina Schlüter, verheiratet, zwei Kinder, behauptet, von ihrem Ex-Geliebten Christian Thiede, ebenfalls verheiratet, vergewaltigt worden zu sein. Das Knifflige dabei: Der Tat ging kein brutales Gewaltszenario voraus, wie Schlüter zugibt, sondern ihr sei erst während des Liebesaktes bewusst geworden, dass sie es so nicht mehr will. Zwei Mal, so ihre Aussage, habe sie Thiede gebeten, aufzuhören, aber er hätte einfach weitergemacht, was dieser in Abrede stellt. Seine Behauptung: Der Vergewaltigungsvorwurf sei eine Racheaktion, weil er die Beziehung beendet habe.
Eines vorweg: Urteil wird es am Ende keines geben, das Publikum muss, mit den Aussagen beider Parteien konfrontiert, selbst entscheiden, wer von den beiden die Wahrheit sagt. Leicht gemacht wird es einem dabei nicht, denn sowohl Kathrin Beck in ihrer Doppelrolle als Schlüter und deren Rechtsanwältin Biegler als auch Michael Weger, ebenfalls in einer Doppelrolle als Thiede und dessen Verteidiger Breslau, spielen emotional so überzeugend, dass man in der Frage, wem man nun glaubt, immer zwischen den beiden hin und her schwankt. Ein spannender Abend, der auch die Selbsthinterfragung in den Mittelpunkt stellt: Wie schnell sind wir mit unseren (Vor)Urteilen? Wovon lassen wir uns leiten?
In weiteren Rollen Katharina Schmölzer, Frankie Feutl und Sandra Rapatz.