Beide standen am Beginn ihrer Karriere, als sie einander 1952 in Niendorf an der Ostsee bei einer Tagung der Gruppe 47 kennenlernten: Ingeborg Bachmann, die junge Poetin aus Kärnten, und der neun Jahre ältere, deutsche Autor Heinrich Böll. In der Salzburger Bachmann-Edition, behutsam und umfassend ediert von Renate Langer, liegt nun der bisher unbekannte Briefwechsel der beiden vor. Nach den konfliktreichen und erotisch grundierten Korrespondenzen mit Paul Celan, Max Frisch und Hans Magnus Enzensberger ist der Austausch zwischen Bachmann und Böll vor allem ein kollegial-respektvoller. Alltäglichkeiten des Schriftstellerdaseins wie Geldsorgen oder Vertragsverhandlungen mit Verlagen, Schreibdruck und Schaffenskrisen, aber auch politische Ansichten gewähren einen lebensnahen Einblick in den deutschsprachigen Literaturbetrieb der Nachkriegszeit. Ohne Ressentiments oder Rivalität kommunizieren hier zwei Dichterfreunde freundschaftlich und mit Sympathie füreinander. In Bölls Augen war die Kollegin „auf eine unbeschreibliche Weise zäh und zart zugleich, hart und weich zugleich, unruhig bis zur scheinbaren Fahrigkeit.“ Der Briefwechsel zeigt auch eine praktisch veranlagte Dichterin, die sich immer wieder für Freunde einsetzte, ihnen bei der Quartiersuche half, wenn sie nach Rom kamen, oder von ihrem Leben aus dem Koffer berichtete.
Die Lebensumstände des verheirateten, Haus bauenden Familienvaters Böll und der vazierenden Poetin Bachmann waren zwar völlig verschieden, doch es gab auch persönliche Gemeinsamkeiten: Beide erhielten den Büchnerpreis (Bachmann 1964, Böll 1967); Ingeborg Bachmann war 1963 für den Nobelpreis nominiert, Heinrich Böll bekam ihn 1972. Und beide zog es in andere Länder: Bachmann nach Italien und Böll nach Irland. Dem Briefwechsel, der Anfang der 1950er Jahre einsetzt und rund zwei Jahrzehnte lang anhielt, sind ein aufschlussreiches Vorwort von Hans Höller und ein einordnendes und kommentierendes Nachwort der Herausgeberin Renate Langer zur Seite gestellt. Die titelgebende Frage „Was machen wir aus unserem Leben?“ ist, wie Langer feststellt, quasi ein Leitmotiv des Briefwechsels. Bachmann schreibt ihm 1956: „Einige Monate später zitiert Böll ihre Frage: Ach, was machen wir aus unserem Leben? - schriebst Du mir einmal! (...) Ich dachte oft daran. Daraufhin nochmals Bachmann: Was machen wir bloss?!“