Wie sehr sind Sie überrascht, dass Sie mit Ablauf Ihres Vertrages im Sommer 2023 nicht mehr Chefdirigent der Grazer Oper sein werden?

ROLAND KLUTTIG: Gar nicht, denn die Entscheidung habe ich gefällt. Mir war schon bei meinem Antritt 2020 klar, dass drei Jahre in Graz auch realistisch sein könnten, weil Intendantin Nora Schmid für alle großen Häuser im deutschsprachigen Raum sehr interessant ist und wechseln könnte, was ja mit ihrem Weggang nach Dresden 2023 nun passiert. Und meine Position ist ja an ihre gebunden.

Also kein Konflikt mit dem designierten Intendanten Ulrich Lenz?

ROLAND KLUTTIG: Überhaupt nicht. Es gab mit ihm sehr gute, vertrauensvolle Gespräche.

Sie müssen gefühlt noch gar nicht richtig angekommen sein, und nun sind Sie schon bald wieder weg.

ROLAND KLUTTIG:Als ich mit meiner Frau mit Sack und Pack nach Graz zog, fühlten wir uns hier und in der ganzen Steiermark sofort wohl. Beruflich war es durch die Pandemie natürlich sehr schwer. Erst seit diesem Jahr – seit dem Neujahrskonzert – herrscht für mich Normalbetrieb, mit sehr schönen Aufgaben.

Nämlich?

ROLAND KLUTTIG: Von der Haas-Oper „Morgen und Abend“ über zwei Musikvereinskonzerte und ein Gastspiel im Konzerthaus Wien mit dem Orchester bis zum „Holländer“, dem „Ring an einem Abend“ und der „Winterreise“ von Hans Zender. Ich bin stolz auf all diese Ergebnisse und darauf, wie fantastisch sich das Orchester entwickelt hat.

Gibt es etwas, das Sie stört am Haus?

ROLAND KLUTTIG: Ja, dass die Position des Chefdirigenten der Grazer Philharmoniker hier nicht in dem Maß Gestaltungsmöglichkeiten bietet wie anderswo im deutschsprachigen Raum, gerade was die Programmgestaltung im Konzertbereich betrifft und auch was die Einladung von Gastdirigenten und Gastsolisten betrifft, die in unserem Falle ausschließlich in den Händen des Musikvereins liegt. Wie das Orchester in die Gesamtstruktur des Hauses eingebunden ist, halte ich für reformbedürftig. Ein erweitertes Orchestermanagement – wie sonst üblich –wäre hilfreich. Und die Strukturen innerhalb des Orchesters sind zu hierarchisch. Ich würde den Grazer Philharmonikern jedenfalls länger dienende Chefdirigenten wünschen, um etwas bewirken zu können.

Was könnten Sie selbst ändern?

ROLAND KLUTTIG: Ich würde mir sehr wünschen, dass die Grazer Philharmoniker einen viel höheren Stellenwert in Stadt und Land haben. Im Orchester ist zwar eine große Offenheit vorhanden – siehe die Produktion „Winterreise“ –, aber andere, sehr innovative Projekte wie etwa ein „Symphonic Mob“, bei dem unsere Profis mit Laien spielen sollten, konnte ich trotz großer Unterstützung durch die Leitung des Hauses nicht durchsetzen. Das Kritisierte auf der einen Seite und die Begeisterung über die musikalischen Erfolge auf der anderen Seite: Das hat mich zuletzt zerrissen, und dann ist die Entscheidung gefallen, wegzugehen. So ein Schritt ist natürlich komplex, und auch andere Dinge spielen eine Rolle.

Sie kippen deswegen aber nicht ins Leere, oder?

ROLAND KLUTTIG:Nein, auch wenn ich ohne Backup gehe. Der Schritt ist bewusst, und ich bin neugierig, was kommt. Ich habe schon früher einmal den Absprung Richtung freier Dirigent gewagt und gelernt, dass sich immer neue Perspektiven auftun. Jetzt widme ich mich noch ganz den Aufgaben hier in Graz. Aber der Terminkalender danach ist schon ganz gut gefüllt: Ich habe Einladungen von deutschen, österreichischen und skandinavischen Orchestern, und vielleicht gibt es ja auch bald ein Wiedersehen in Graz.