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DirigentChristoph von Dohnanyi wird 90

Mittlerweile dirigiert er nur noch selten - "aber umso lieber", wie er sagt. Um Quantität ist es Dohnanyi ohnehin nie gegangen. Am kommenden Sonntag (8. September) wird der Dirigent 90 Jahre alt. Sein Geist und sein Gehör sind unverändert scharf, sein Anspruch an sich und andere unverändert unerbittlich.

© APA (dpa)
 

Im Jänner interpretierte er mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunk Werke von Ives, Ligeti und Tschaikowsky - eine eigenwillige Programmierung, die deutlich seine Handschrift trägt. "Leidenschaftlicher als an diesem Abend kann man die Pathétique kaum musizieren", jubelte die "Süddeutsche Zeitung".

Dabei ist Dohnányi durchaus gelegentlich als pedantisch, gar trocken kritisiert worden. Ihn hat das nicht beirrt: "Ein Schriftsteller oder Journalist wird sich, je bedeutender er ist, umso genauer jedes Wort anschauen, das er zu Papier bringt. Als Dirigent halte ich mich da an Goethe: "So mach ich mir denn zum reichen Gewinn, dass ich getrost ein Pedante bin." - schreibt er in den zahmen Xenien."

Die Kompromisslosigkeit der Maßstäbe ist Dohnányi gleichsam in die Wiege gelegt worden. Sein Großvater war der ungarische Komponist und Pianist Ernst von Dohnányi, der noch Brahms gekannt hatte und 1905 an die Berliner Musikhochschule berufen wurde. Sein Vater Hans legte den Akzent auf dem "a" und die ungarische Aussprache des Namens ab. Er heiratete Christine Bonhoeffer, eine Schwester des Theologen Dietrich Bonhoeffer, und wurde wie dieser von den Nationalsozialisten als Widerstandskämpfer aus dem Kreise Oster-Canaris wenige Wochen vor Ende des Zweiten Weltkriegs ermordet. Da waren Christoph und sein Bruder Klaus, der spätere Hamburger Bürgermeister, 15 und 16 Jahre alt. Die Verquickung von Familiengeschichte und Zeitläufen sollte beide lebenslang prägen.

Als Musiker hat sich Christoph wieder die ungarische Fassung des Namens zugelegt. Wichtige Impulse erhielt er während eines Studienaufenthaltes in den USA von seinem Großvater, der in Florida lehrte. Zurück in Deutschland, absolvierte er die übliche Kapellmeister-"Ochsentour" und diente sich von Haus zu Haus nach oben - in beeindruckender Geschwindigkeit. Mit 27 Jahren wurde er Generalmusikdirektor in Lübeck. Seit 1968 wirkte Dohnányi an der Frankfurter Oper. In seine Ära fallen wegweisende Produktionen wie Schönbergs "Moses und Aron" oder Bergs "Lulu". Dohnányi setzte vielfältige Akzente, indem er etwa Film- und Schauspielregisseure verpflichtete.

Von 1977 bis 1984 war er Generalmusikdirektor und Intendant der Hamburgischen Staatsoper, auch dort setzte er sich mit Verve und Mut zum Konflikt für die Modernisierung des Musiktheaters ein. 1982 wurde er an die Spitze des Cleveland Orchestra berufen, eines der "Big Five" unter den US-amerikanischen Sinfonieorchestern. Das Philharmonia Orchestra London ernannte ihn 1994 zum ersten Gastdirigenten und von 1997 bis 2008 zum Principal Conductor. Enge Bindungen gab es nach Salzburg, Wien, in die USA, Zürich und nach Paris. 2004 kehrte Dohnányi als Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters, wie der Klangkörper heute heißt, an die Elbe zurück.

In dieser Funktion sollte er 2010 die Eröffnung des neuen Konzerthauses leiten, doch die überlange Bauzeit durchkreuzte diesen Plan. Dohnányi hat sich dem Gebäude aber mit wesentlichen praktischen Ratschlägen zur Position des Orchesters im Großen Saal dauerhaft eingeschrieben. "Im letzten September mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester habe ich mich in der Halle durchaus wohl gefühlt", erzählt der Jubilar. "Das Orchester hat sehr sensibel reagiert und gespielt. Ein Traum-Comeback, große Freude für mich."

Er schaue mit großer Dankbarkeit zurück, sagt Dohnányi. Und nach vorn schaut er auch: Für Jänner 2020 ist sein nächstes Konzert mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester angekündigt. Gefragt, in welchem Alter ein Dirigent am besten sei, antwortet er in seiner unnachahmlichen Mischung aus Nüchternheit und Esprit: "Wer weiß das schon. Es gibt Wunderkinder, aber auch posthume Karrieren."

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