Julio Blanco liebt das Gleichgewicht. Der Chef der Waagen-Fabrik Básculas Blanco ist „El Buen Patrón“. Seine Angestellten seien seine Familie, da er doch selbst keine Kinder habe. Er greift schon mal zum Hörer und holt den Sohn eines alten Angestellten von der Polizeistation ab. Und wenn der Produktionsleiter Miralles wieder mal Aufträge ordentlich versemmelt, bittet er ihn zum Mittagessen, um die Probleme zu besprechen, die dahinter stecken. Immerhin seien ihre Väter schon zusammen zur Jagd gegangen. Miralles habe ihn doch schon damals vor Ärger gerettet. Also hilft ihm der Chef nun in der Ehekrise.


Dass hinter diesem väterlichen Image mehr steckt, verbirgt Darsteller Javier Bardem lange sehr gekonnt. Die ein oder andere Bemerkung über die Produktivität und den Ruf der Firma nimmt man dem netten grau melierten Spanier gerne ab. Immerhin scheint bei ihm noch zu gelten, was auch hierzulande einmal eine großspurige falsche Behauptung war: „Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut.“

Doch so harmonisch ist der Alltag in der Waagen-Fabrik nicht. Demonstriert doch ein gekündigter Arbeiter vor dem Tor. Das macht sich gar nicht gut beim anstehenden Besuch einer Jury, die Blanco einen weiteren Preis als bestem Arbeitgeber verleihen soll. Und dann ist da auch noch die großgewachsene Praktikantin Liliana, die seine Tochter sein könnte und der der verheiratete Mann nachstellt.

Regie-Veteran Fernando León de Aranoa begann seine Karriere als Drehbuchautor und legt auch seiner neuesten Komödie ein selbstgeschriebenes, fein gearbeitetes Script zugrunde, das keinem vorhersehbaren Rezept folgt. Strukturiert anhand der Wochentage des Fabrikslebens, gerät das Gleichgewicht des Waagen-Patriarchen zusehends aus dem Lot. Sein Führungsstil, der auf Loyalität und gönnerhaften Gefälligkeiten fußt, wirkt zunächst wie ein warm-nostalgischer Ausflug in eine andere Industrie-Ära. Doch der Sozialstaats-Kapitalismus eines Henry Ford, mit mehr Lohn für weniger Arbeitszeit, verträgt sich nicht mehr mit der Weltwirtschaft des 21. Jahrhunderts. Die Kalkulationen sind auch bei Básculas Blanco eng und der Chef verlangt Einsatz.

„El Buen Patrón“ ist eine ebenso originelle wie raffinierte Satire, die sich auf leisen Sohlen anschleicht und dann umso giftiger zubeißt. Der Humor ist herrlich trocken und Bardem wieder einmal wunderbar wandlungsfähig. Nach seiner Premiere beim San Sébastian Filmfestival erhielt der Film nicht nur 6 Goya-Preise, sondern auch viel Zuspruch vom spanischen Publikum. Das jedenfalls hat sich dieser Patrón verdient!

Bewertung: ****